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Pierre Boulez, Eugène Ysaÿe, Salvatore Sciarrino, Jörg Widmann

Reflections 1

Carolin Widmann

Telos Music/Klassik Center TLS 116
(75 Min., 12/2004, 2/2005) 1 CD

Schön, wenn dieses Beispiel Schule machte und mehr Musiker von solchem Format Geschichte und Gegenwart gleichermaßen reflektierten. Während noch immer die meisten ihrer großen Kollegen die Musik unserer Zeit gänzlich ignorieren oder – wie Anne-Sophie Mutter oder Gidon Kremer – mit engen Scheuklappen betrachten, paart sich im Repertoire der famosen jungen Geigerin Carolin Widmann Neugierde mit erheblichem Sachverstand: Widmann setzt eben nicht die üblichen modernen Kleinstmeister aufs Programm, sondern geht gleich ans künstlerisch Eingemachte. Solowerke von Boulez, Sciarrino und dem Bruder Jörg Widmann, dazu zwei Sonaten des belgischen Prämodernisten Eugène Ysaÿe, das liest sich gut – und klingt auch so. Widmanns Zugriff auf die so disparaten Werke ist erfreulich differenziert. Ysaÿes Solosonaten Nr. 2 und 4 begegnet sie mit großer Kraft und einer Dynamik, deren Intensität sowohl der virtuosen Extravaganz zugute kommt als auch der pompös neobarocken Architektur, deren weitschweifende Gesamtanlage sie genau im Augen behält. Gleichermaßen profitieren die geistesverwandten Etüden des Bruders und die "Anthèmes" von Boulez von der Balance aus Technik, Konzentration und Geduld. Vor allem aber Salvatore Sciarrinos flüchtig-schattenhafte "6 Capricci" zeigen, wie souverän Widmann abseits gewohnter instrumentaler Pfade auch an der Schwelle zur Stille (oder zum Geräusch) agiert und wie mutig sie sich auf eine Musik einlässt, die sich vom klassischen Klangideal der Geige sehr, sehr weit entfernt hat.

Raoul Mörchen, 28.04.2007



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