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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 8

Berliner Philharmoniker, Günter Wand

RCA/BMG 74321 82866 2
(1/2001) 2 CDs

Günter Wand gilt als Bruckner-Spezialist, und Nikolaus Harnoncourt, der Spezialisten-Spezialist, hat vor etwa zehn Jahren seine relativ unerwiderte Liebe zu Bruckner entdeckt - vor kurzem erschien seine Version der Achten, auch mit den Berliner Philharmonikern (siehe Rezension). Was ist der Unterschied?
In ungefähr der zwischen einem besonders talentierten Buchhalter-Lehrling, der sich mit Aplomb und Akribie in die Bücher einarbeitet - und dem, der sie (mit-)geschrieben hat. Wo Harnoncourt die Versatzstücke minuziös und immer etwas trocken nebeneinander hinstellt, als wär's eine Lego-Kathedrale, baut Wand mit dem souveränen Blick des Architekten: Da ist kein Stein, der nicht in Beziehung zu allen anderen stünde, ein jeder Takt vibriert mit dem Ganzen.
Die (nach der Fünften) sperrigste Bruckner-Sinfonie kann man dämonischer anlegen (wie Szell das tat) oder ächzender (wie Sinopoli); aber nicht "richtiger", nicht brucknerischer. Aus dem Pantheon der Fehlurteile: "Alles fließt unübersichtlich, ordnungslos, gewaltsam in eine grausame Länge zusammen", so der sonst hellhörige Kritikerpapst des 19. Jahrhunderts, Eduard Hanslick, der offenbar von Vorurteil verblendet nicht merkte, wie diese c-Moll-Sinfonie sein Diktum von der "tönend bewegten Form" einlöste: auf nie dagewesene Weise.
Aber Übersichtlichkeit und Ordnung allein (wie bei Harnoncourt) reichen noch nicht; zugleich spielt ein Sog hin zum Chaos eine wesentliche Rolle, der dem Werk den Beinamen "Apokalyptische" eintrug. Wand und die Berliner zwingen Chaos und Weltenordnung genial in eins, bei aller "Kapellmeisterlichkeit" der Entwicklung schwingt doch stets ein Unterton von Gefahr mit, von nahem Scheitern, das gleichwohl nie statthat.
Bei Harnoncourt hatte verblüfft, dass er nicht die Originalversion wählte - gerade bei der Achten (wie Wand zeigt) so viel "richtiger" für die Proportionierung des Riesenwerks. Und die Berliner Philharmoniker bei Harnoncourt sowie die bei Wand scheinen zwei verschiedene Orchester zu sein – Beweis dafür, dass der alte Spruch, "die können auch ohne Dirigent", so hirnverbrannt ist wie Hanslicks Kritik.

Thomas Rübenacker, 15.11.2001



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