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N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



Sechsundsechzig CDs mit historischen Liedaufnahmen - wo anfangen zu hören? Eine lange Liste von historischen Sängerpersönlichkeiten (darunter Erna Berger, Josef Greindl, Elisabeth Schwarzkopf, Julius Patzak) bürgt für Qualität; sie und zahlreiche andere Größen ihrer Zeit hat der Liedbegleiter Michael Raucheisen einst in sein enzyklopädisch angelegtes Aufnahme-Projekt eingebunden, mit dem er nichts Geringeres intendierte als die systematische Dokumentation weiter Teile des Kunstlied-Reperoires in repräsentativen Einspielungen. Das Unternehmen begann 1933 in den Studios des Reichssenders Berlin und wurde, teilweise im Bombenhagel, bis 1944 fortgesetzt.
Also: Wo anfangen zu hören? Der Autor entschied sich für Richard Strauss, aus dessen Lied-Œuvre etwa 45 Titel enthalten sind, und landete gleich einige Volltreffer. Allen voran sei des Bariton Arno Schellenberg unübertrefflich brillante Version der Uhland-Ballade "Von den sieben Zechbrüdern" genannt. Was hier an stimmlicher Präsenz von kernig-voluminöser, bisweilen krachend robuster Deklamation bis hin zu zauberhafter Voix-mixte-Nonchalance geboten wird, ist schon rein stimmlich glattweg besser als das allermeiste, was in unserer Zeit während der letzten Jahre so auf Tonträgern festgehalten wurde. Hinzu kommt bei Schellenberg ein unverkrampftes erzählerisches Talent, verbunden mit einer absolut zeitlosen Befähigung zur plastischen Gestaltung - man hat das Gefühl, der Mann stünde neben einem. Ebenfalls von superber Qualität sind u. a. Maria Müllers Aufnahme des "Wiegenliedes", Karl Schmitt-Walters "Du meines Herzens Krönelein", Peters Anders’ "Ständchen" ("Mach auf, mach auf, doch leise, mein Kind ..."), Lorenz Fehenbergers "O süßer Mai" - nicht zu fassen, wie gut all diese Leute gesungen haben. Und das Schellenberg-Beispiel zeigt, dass die bisher schon leidlich populären Teile der Raucheisen-Aufnahmen (darunter etwa Hans Hotters "Winterreise", die hier selbstverständlich auch enthalten ist) nicht unbedingt die qualitativen Spitzen des Bestandes sind. Nein, es gibt Unmengen von wahrlich faszinierenden künstlerischen Leistungen zu entdecken in dieser ersten Gesamtausgabe von Raucheisens Lied-Enzyklopädie (vieles davon erscheint erstmals überhaupt auf CD). Ein ausführlicher Einleitungstext im Beiheft berichtet u. a. über Raucheisens Leben (er verstarb erst 1984) und verschweigt auch dessen mögliche, aber wohl nie ganz geklärte Verbindung zu den Nazi-Herrschern nicht. Tatsache ist, dass dieses Material sein künstlerisches Vermächtnis darstellt, denn viel war nach dem Krieg (er hatte zunächst einige Jahre Berufsverbot) nicht mehr von ihm zu hören.
Die akustische Qualität der Aufnahmen ist über weite Strecken recht gut, zeugt aber teilweise auch von Beschädigung der Bänder in den Kriegswirren. Mozarts "Exsultate, jubilate" mit Erna Berger - auch das nahm Raucheisen (mit Klavierbegleitung!) auf - wurde leider vom Tontechniker übersteuert. Aber wozu klagen über solche Probleme im Detail; man darf vielmehr dankbar sein, dass diese Einspielungen erhalten blieben und nun in einer im Verhältnis zur CD-Menge sehr preisgünstigen Ausgabe vorliegen.

Michael Wersin, 03.12.2005



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