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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9 d-Moll (inkl. 4. Satz Fragmentfassung mit Erläuterungen)

Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

RCA/BMG SACD 82876 54332 2
(59 Min., 8/2002) 1 SACD + 1 CD (SACD Multichannel, auch auf CD-Playern in Stereo abspielbar)

Unter neuer Label-Flagge startet Harnoncourt mit der letzten Sinfonie seines Landmanns Anton Bruckner, einem Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 2002. Die Einspielung mit den grandiosen Wiener Philharmonikern ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes: zum einen gibt es die drei ersten Sätze im mehrkanaligen Format zu erleben - für den Organisten Bruckner, dessen Sinfonien ihren Klang im Raum entfalten müssen, ein erstes Plus, zum anderen stellen die Wiener Philharmoniker und Harnoncourt zusätzlich in einem Gesprächskonzert die Fragmente zum Finalsatz auf einer separaten CD vor (leider nicht auch auf SACD).
Harnoncourt führt das Bruckner-erfahrene Orchester souverän durch den 70-minütigen Koloss der ersten drei Sätze, die dynamischen und klanglichen Kontraste vermitteln sich sehr gut, die Balance ist gut ausgewogen, das Trio im zweiten Satz kommt sehr beschwingt daher. Zu bemängeln ist lediglich, dass sich der große Bogen in den Sätzen 1 und 3 nicht ganz einstellt, zugegeben ein schwieriges Unterfangen bei fast halbstündigen Sätzen.
Rekonstruktionen haben immer etwas Anrüchiges, insbesondere wenn „im Sinne von" nachkomponiert wird. Bei der Rekonstruktion von Bruckners Schlusssatz liegt der Fall anders. Benjamin-Gunnar Chors hat das vorhandene Material aus verschiedenen Stadien zusammengefügt ohne eigene Ergänzungen vorzunehmen. Harnoncourt erläutert anschaulich die so entstandenen Fragmente in deutscher und englischer Sprache: man gewinnt einen guten Einblick in den Bruckner'schen Schaffensprozess und in das Visionäre diese Schlusssatzes, bei dem Bruckner nicht mit Kontrasten, scharfen Dissonanzen und kunstvollen thematischen Kombinationen spart - zwei Monate hätte der Widmungsträger, „der liebe Gott", Bruckner noch geben müssen für die Vollendung, so schätzt Harnoncourt. Bleibt zu hoffen, dass die noch verstreuten Manuskriptseiten in Autographensammlungen auftauchen und eines Tages die fast vollständige Sinfonie zu hören sein wird. Bis dahin kann man sich an einer klanglich sehr guten Aufnahme der Sätze 1 bis 3 erfreuen.

Peter Overbeck, 20.09.2003



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