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Anton Bruckner

Sinfonie Nr.7

Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901857
(60 Min., 4/2004) 1 CD

Karajan und Celi zu Füßen ihres Linzer Kathedralheiligen werden dreimal das Gottseibeiuns schlagen, so bar jeder hymnisch-weihevollen Machtfülle ertönt hier "ihr" Bruckner. Wer dieses Sakrileg begeht, ist diesmal kein Revoluzzer aus England, sondern ein von Kindheit an von sakraler Musik geprägter Flame, der sympathisch-bescheidene Herreweghe, der mir vor sechs Jahren im Interview vor seiner Johannes-Passion mit den Berliner Philharmonikern erklärte, für den Sinfonien-Bruckner sei er noch nicht reif genug. Ob inzwischen reif oder nicht: seine Einspielung der Siebten wird zumindest für Zündstoff sorgen. Jedenfalls ist ein strikterer Anti-Karajan und Anti-Celibidache kaum denkbar, so schlank und rank, so sanftmütig und kammermusikalisch -feingliedrig ziseliert, so zügig (und gleich bleibend) in den Tempi kommt dieser "neue" Bruckner daher. (Dass es dabei ziemlich gleichgültig ist, ob man Bruckner nun als "absoluten" oder "programmatischen" Komponisten ansieht, zeigt schon das Booklet, in dem Benjamin-Gunnar Cohrs den "absoluten" strikt verneint, während Herreweghe drei Seiten später genau das Gegenteil behauptet).
Zweifellos: ein "echter" Herreweghe. Aber auch ein "echter" Bruckner? Nichts gegen Bilderstürmerei, im Gegenteil, erst recht wenn es gilt, unsere großdeutsche Ahnenreihe aus dem Weihrauch heraus wieder kenntlich zu machen (was Herreweghe ja schon öfter gelang). Aber muss Bruckner wie ein restaurativer, in die Spätromantik verfrachteter Mozart und Schubert klingen? Der Dirigent selbst bekundet im Booklet, der Musik Bruckners sei jede Gewalt fremd, stattdessen sei sie "zutiefst melancholisch ..., auf Beruhigung aus". Sicherlich finden sich gerade in der Siebten genügend Belege für Trauer und "Sanftes". Aber auch hier gilt: vor der Beruhigung kommt - gerade bei Bruckner - die Unruhe, der Zweifel, der Spannungsaufbau mitsamt gewaltigen Eruptionen und - man denke nur an die Achte und Neunte - brutale, zerstörerische Gewaltentladungen. (Im Übrigen sollte jedem "sanftmütigen" Brucknerianer jene Aussage aufstoßen, die der Komponist einem verstörten Kardinal nach der Uraufführung der Achten entgegenhielt: dies sei doch wohl etwas anderes als ein gregorianischer Choral!)
Gottlob hält sich Herreweghe zumindest beim Scherzo und Finale nicht strikt an seine "beruhigende" Bruckner-Sicht, hier weiß er durchaus ängstliche Unruhe zu inszenieren (die Bruckner selbst befiel, als er vom verheerenden Feuer erfuhr, das im Dezember 1881 in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung das Wiener Ringtheater mitsamt 386 Besuchern hinwegraffte und ihn um seine Originalpartituren fürchten ließ). Aber was den Eröffnungssatz und das Zentrum der ganzen Sinfonie, das berühmte Adagio angeht, so plätschern beide weitgehend dahin. Gerade das einzigartige Aussingen und raumgreifende Atmen des Adagios zerstückelt Herreweghe in kleine Partikel, dynamisch hüpfende Luftschnapper sozusagen - als wolle er jedem Legatissimo den Kampf ansagen. Und vom grandiosen Spannungsbogen und dem expliziten Höhepunkt des Ganzen (ganz egal, ob mit oder - wie hier natürlich - ohne berüchtigten Beckenschlag) bleiben nur Andeutungen. Alles in allem also eine höchst zwiespältige Bruckner-Premiere - auch und gerade angesichts des vorzüglich präparierten, wunderbar durchsichtig aufspielenden Elysées-Orchesters.

Christoph Braun, 16.10.2004



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