Jedem Interpreten stellt sich irgendwann einmal die Frage: Will ich wirklich nur Altes buchstabengetreu bewahren oder ist die Tradition nicht vielmehr inspirierend offen? Der norwegische Lautenist Rolf Lisveland hat sich für die Beantwortung der zweiten Frage entschieden. Obwohl er als Mitglied u. a. von Jordi Savalls Hespèrion XXI-Ensembles hautnah mit der berühmten historischen Aufführungspraxis in Berührung gekommen ist, empfindet er sie zumindest bei seinen Soloprojekten dann als einengend, wenn jahrhundertealte Partituren nur auf ihren authentischen Reinheitswert abgeklopft werden sollen. Für Lislevand gibt es diesen Purismus gerade an der Schnittstelle von der Renaissance- zur Barock-Musik nicht, weil die Grenzen zwischen Volks- und Kunstmusik oftmals fließend waren, so wie der Schöpfungsakt improvisatorisch aus dem Augenblick heraus entstand. Und Lislevands Projekt einer "Nuove musiche" ist eine in alle Himmelsrichtungen angelegte Zeitreise zurück in die Gegenwart und potentiell in die Zukunft. Was sich auf den ersten Blick als Würdigung der großen Lautentradition eines Kapsberger, eines Narvaéz oder eines Piccini darstellt, entpuppt sich im Laufe des Albums zu einer vielsprachigen Phantasie über die musikalische Reichweite des markanten Passacaglia-Basses.
Plötzlich bekommen die Rhythmen und die von Arianna Savall strahlend und eindringlich ausgekleideten Melodien eine Leichtigkeit, die über Landesgrenzen und Zeitzonen hinwegführen. Mal hüpft ein altes, englisches Lautenstück mit keltischem Schwung umher, angetrieben von Percussion und virtuosen Saitenspielereien. Dann wieder nimmt Lisveland eine Passacaglia von Pellegrini zwar mit aristokratischer Strenge. Doch dahinter verbirgt sich schon jenes volksmusikalische Temperament, das sich in einen offensiven Flamenco verwandeln wird. Und wenn es zwischendurch zu leichten Jazzberührungen kommen sollte, ist das einfach der schlagend-sinnliche Beweis dafür, wie weit doch die musikalischen Wurzeln nicht nur zurückreichen können, sondern wie lebendig diese immer noch sind.

Guido Fischer, 14.04.2006



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