Bereits mit seinem Recital "Un Concert pour Mazarin" hat der französische Countertenor Philippe Jaroussky ein Händchen in der Werk-Auswahl bewiesen. Als er mit vorrangig vergessenen Komponisten Italiens ins Paris des 17. Jahrhunderts einzog. Mit "Beata Vergine" knüpft Jaroussky nun an sein Goldgräbertalent an, indem er ein ganzes Album mit Motetten zusammengestellt hat, die in den Musikzentren Rom und Venedig zu Ehren der Heiligen Jungfrau komponiert worden sind. Was aber wäre erneut so eine Reise zu den bekannten und weniger bekannten Maestri des Früh- bis Hochbarock-Zeitalters, wenn der stimmliche Resonanzboden nicht entsprechend mitschwingen würde. Jaroussky ist zwar ein ganz anderer Countertenor-Typ als beispielsweise Andreas Scholl. Während sein Kollege dem angeschlagenen Individuum mit arioser Abgründigkeit Plastizität gibt, ist Jarousskys Spezialität die fein geschliffene, kostbar makellose Klangschönheit, mit der er Demut und Andacht einfach himmlische Flügel verleiht.
Mit dem sechsköpfigen, den historischen Kammermusik-Ton routiniert umsetzenden Ensemble Artaserse lotet Jaroussky die Lobgesänge zwischen anrührender Schlichtheit (Alessandros Grandis "O quam tu pulchra es") und einer Behutsamkeit aus (Frescobaldis "Ave maria stella"), die das Zeitempfinden fast außer Kraft setzt. Faszinierend, wie Jaroussky bei aller geistlichen Strenge die genaue Balance aus Spannung und Entspannung findet und sich dabei auf Glockenreinheit bis in die höchste Kletterpartien verlassen kann. Auch wenn man sich hier und da durchaus noch mehr Farbnuancen gewünscht hätte, ist es diese enorme Sinnlichkeit Jarousskys, die selbst da überwältigt, wo er sich wie in Giovanni Rigattis "Regina coeli laetare" virtuos ins Zeug legen muss.

Guido Fischer, 09.06.2006



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