Wer abblitzt, gerät zwangsläufig vor Enttäuschung in Wallung und schmiedet Rachepläne. Wie Circe, die nach einer Abfuhr vom Meeresgott Glaukos ihre Zauberkräfte bündelt und zur Strafe die Rivalin Skylla in ein grässliches Ungeheuer verwandelt. Wie Circes Gefühlshaushalt kurz vor dem Hexenspruch aussah, hat Jean-Marie Leclair 1745 in seiner Tragédie lyrique "Scylla et Glaucus" hautnah eingefangen und beschrieben. In der Arie "Noires divinités", bei der es schwer in den Streichern ächzt und seufzt, während Circes Anrufungen der dunklen Mächte sich in einem streng-schönen Lamento bündeln. Und wenn danach die Dämonen mit rhythmischem Furor und Blitz und Donner durch das Orchester fegen, gibt es für Skylla kein Entrinnen mehr. Dieser Ausschnitt aus der Opern-Rarität des Rameau-Apologeten Leclair ist aber nicht der einzige auf dem Recital-Album von Véronique Gens, in dem weibliche Sagen- und Mythengestalten aus verschmähter Liebe zum Äußersten greifen. Da begegnet man bei Lully und Gluck der von Rinaldo verstoßenen Zauberin Armide ebenso wie Rameaus Phädra, die in seiner Tragédie lyrique "Hippolyte et Aricie" nun wirklich nicht auf Rosen gebettet wird.
Diesen "Tragödinnen" erweist nun die französische Sopranistin Gens ihre Reverenz. Mit den glänzend aufgelegten Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset, der dafür nicht auf das effektvoll-stramme Beben seines Kollegen und Freundes Marc Minkowski setzt, sondern mit federnder Akkuratesse auch die eingestreuten Instrumentalstücke angeht. So bewundernswert mehrdimensional dramatisch, leidenschaftlich und spontan-schwungvoll Rousset einzelne Kapitel aus der Blütezeit des französischen Barocks aufschlägt und Jean-Joseph Cassanea de Mondonville ("Isbé") und Pancrace Royer (u. a. "Le Pouvoir de l'Amour") bietet, so kann man sich kaum eine stimmlich luxuriösere und gestalterisch vielseitigere Sängerin als Véronique Gens vorstellen. Mit bildhaften Nuancen und packender Größe stellt sie die aufgewühlten Seelen aus, durchzuckt den oftmals als streng und schematisch verschrienen Klassizismus hier schlicht mit wahrem Leben.

Guido Fischer, 16.06.2006



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