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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 5

Orchestre National de France, Lovro von Matačić

naive/harmonia mundi 22186 05000
(77 Min., 5/1979) 1 CD, Live-Mitschnitt

Ein Frühjahr der Bruckner'schen Fünften: Nach Harnoncourts entschlackt-analytischem Wiener Drama und Thielemanns verschlepptem, überbordenden Münchener Egotrip folgt nun Bruckners "kontrapunktisches Meisterstück" (so des Komponisten eigene Charakterisierung) in Lovro von Matačićs Live-Mitschnitt vom Mai 1979 mit dem Orchestre National de France. Matačić!? Wer so fragt, der ist entweder noch zu jung, als dass ihm der 1899 in Kroatien geborene, in Wien (von den Sängerknaben bis zur Hochschule und Volksoper) Ausgebildete und 1985 in Zagreb Verstorbene noch in Erinnerung sein könnte; oder er hat sich von der (relativ) bescheidenen Veröffentlichungsliste des vor allem an den Opernbühnen Europas Gefeierten (mitsamt Scala und Bayreuth) täuschen lassen. Diese ließ den umfassend gebildeten Pianisten, Organisten, Komponisten und Dirigenten zwar nicht zum "Star" werden, gleichwohl z.B. zum Bewunderten Karajans.
Auch wenn es etwas platt dialektisch klingt: Matačićs Bruckner ist in vielerlei Hinsicht die Synthese jener beiden Veröffentlichungs-Vorgänger. Wie Harnoncourt inszeniert er ein von grandiosen Spannungsbögen durchzogenes Drama, wobei die extremen Kontraste der Bruckner'schen Tonsprache sogar noch schroffer herausgearbeitet werden als beim Grazer. So gießt er die getragenen Partien, insbesondere das dritte Motiv, den choralartigen Bläserchor, des ersten Satzes wie auch die Streicher-"Hymne" des Adagios in ähnlich schwere Zeitmaße wie Thielemann. Die Tatsache jedoch, dass die folgenden Allegro-Passagen in unmittelbarem Kontrast dazu (etwa das flirrende Geigen-Motiv im ersten Satz oder die für die gesamte Sinfonie so charakteristischen accelerandi) geradezu hastig, atemlos angegangen werden, verhindert, dass Matačićs gewichtiger ein schwerfälliger, der tief empfundene ein pathosschwangerer Bruckner wird.
Neben den Tempo-Kontrasten lassen sich hier Bruckners Klangfarbenbrüche so scharf wie kaum sonst erleben, prototypisch: der von schneidend scharfem Blech heraus gemeißelte, darin apodiktisch (und gar nicht fromm) interpretierte Choral des letzten Satzes, dessen Streicherecho wiederum verschatteter und subtiler nicht intoniert sein könnte. In diesen versunkenen, innigen Momenten, aber auch im geradezu schelmisch angelegten, mal luftig, mal deftig dreinfahrenden Scherzo zeigt sich, wie hart vor allem in dynamischer Hinsicht der Kroate mit dem nicht eben für sein Brucknerspiel berühmtes französisches Nationalorchester gearbeitet und zu dieser Höchstleistung angespornt hat.
Vor allem wird Matačić seinem Ruf als "Balkantemperament" gerecht: unentwegt scheint dieser Bruckner unter Strom zu stehen, selbst die gigantischen Ecksätze erliegen nie der (sonst oft drohenden) Gefahr, eine Ansammlung von zusammenhanglosen "Einfällen" zu sein. Auch wenn bei Bruckners einzigartigem formalen "Meisterstück" die Verknüpfung aller vorausgehenden Themen mit der Kontrapunktik der Doppelfuge im letzten Satz nicht derart luzide geraten ist wie bei Harnoncourt (hier hat wohl auch die Akustik bzw. Tontechnik eine negative Rolle gespielt), so bleibt doch ein unbedingter Wille spür- und hörbar, das komplexe Stimmengewirr durch subtile dynamische Abstufungen zu strukturieren und gleichzeitig zusammen zu zwingen. Und wie der Achtzigjährige die Ecksätze über genau austarierte accelerandi zur stürmischen, entfesselten Katharsis steigert, das lässt die meisten der heutigen "modernen" Bruckner-Exegeten altmodisch und langweilig aussehen.

Christoph Braun, 21.07.2005



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