Vielleicht war der 1902 geborene Eugen Jochum schon zu alt, als er zwischen 1975 und 1980 Bruckners Sinfonien Nr. 1 bis 9 mit der Dresdner Staatskapelle aufnahm - vielleicht war er auch einfach schon zu betagt, um die Staatskapelle Dresden zu einem richtigen "Brucknerorchester" zu formen, so wie dies übrigens Stanislaw Skrowaczewski mit dem Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken gelungen ist (aber Achtung - der ist in dieser Box nur mit der "Nullten" vertreten, geliehen von Oehms Classics, die weiterhin den ganzen Zyklus anbieten). Nehmen wir Jochums Interpretation der Achten: Es überraschen zunächst die raschen Tempi der Ecksätze, die dann - dies bestätigt der Höreindruck - mit einer teilweise recht hemdsärmelig-lapidaren Darbietung einhergehen. Wie eigenartig nüchtern fallen etwa die emotionsgeladenen dissonanten Schmerzensschreie im Kopfsatz aus, die doch laut Bruckners "Programm" Ausdruck höchster innerer Not angesichts einer "Todesverkündigung" sein sollen. Man muss nicht zu Celibidaches Leviathan-artiger Einspielung greifen, um dies mitreißend verwirklicht zu finden; auch der 72 Jahre alte Jascha Horenstein hatte hier 1970 in London mit dem BBC Symphony Orchestra weitaus mehr zu bieten als Jochum mit den Dresdnern. Was in Jochums vorliegender Version leider auch nicht überzeugt, ist die Klangregie und das Miteinander der Orchestermusiker: Nicht nur wenig brillante Blechbläser-Passagen trüben immer mal wieder das Bild. Auch im Kopfsatz der Neunten, um ein weiteres Beispiel zu nennen, bleibt Jochum hinsichtlich Spannungsaufbau deutlich hinter den Möglichkeiten der Partitur zurück, auch wenn er es hier und da ordentlich krachen lässt. Insgesamt hat Jochum als alter Herr seine eigenen früheren Bruckner-Aufnahmen mit den Berlinern und den Bayern unterboten. Nützt also nichts: Selbst der günstige Preis dieser Brillant-Veröffentlichung des EMI-Materials wiegt die Defizite nicht auf.

04.03.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und […] mehr »


Top