Lässt sich die Apokalypse in Töne fassen? Mozart, Cherubini, Berlioz und etliche andere haben sich daran versucht. Aber nur einem ist es gelungen, das Johanneische Jüngste Gericht in seinem atemberaubenden Rache-Furor adäquat zu "übersetzen": Verdi, im "Dies irae" seiner "Messa da Requiem".
Dieser Opernschreiber? Der alte, noch nicht verstummte, beckmesserisch räsonnierende deutsche Musikverstand spricht seit jeher von Verdis ungehöriger "Oper im Kirchengewand", dem "liturgischen Ungeheuer", das die Sphären vermische, das geheiligte liturgische Wort im theatralischen Operngetöse verunreinige. Solches Denken ist nicht nur typisch deutsch, es ist auch scheinheilig: Verdis Requiem wird beargwöhnt, aber Beethovens höchst weltliche Momente aufweisende Missa Solemnis oder Wagners "Bühnenweihfestspiel" verehrt. Vor allem aber wird hier Verdis Ideal der künstlerischen Wahrhaftigkeit verkannt, das fernab jeder äußerlichen Pose "echtes", menschliches Empfinden propagiert – auf der kirchlichen wie der weltlichen Bühne. So pries denn auch Johannes Brahms nach einer von Verdi selbst geleiteten Wiener Aufführung den genialen Wurf und wies den bornierten Oberbeckmesser Hans von Bülow zurecht.
Die halbstündige apokalyptische Höllenfahrt bildet das Zentrum des Werkes. Keimzelle jedoch ist das abschließende "Libera me", das Verdi bereits 1869 als Beitrag zu einer gemeinschaftlich mit zwölf italienischen Kirchenkomponisten verfertigten "Messa per Rossini" verfasste – zum Jahresgedenken an den 1868 verstorbenen Großmeister der italienischen Bühne. Die Rossini-Messe scheiterte, das "Libera me" verschwand in der Schublade. Als fünf Jahre später Alessandro Manzoni verstarb, ging Verdi sofort daran, als Huldigung für den verehrten Nationaldichter sein "Libera me" zur vollständigen Totenmesse auszuarbeiten.
Nicht erst mit dem versöhnlichen C-Dur-Ausklang, bereits bei der programmatischen Kyrie-Wandlung vom düsteren a-Moll-Beginn zum emphatisch aufblühenden F-Dur wird gemeinhin "Hoffnung" und "Zuversicht" zum Grundgestus des Werkes erklärt. Aber vor zu viel christlicher Heilsgewissheit – die Verdi auch persönlich nicht teilte – "schützt" dieses atemberaubende "Dies irae". Jedem halbwegs musikalisch Empfindenden stellen sich bei den Schlägen der Kesselpauke, dem infernalischen "Tremendae"-Rufen des Chores die Haare zu Berge. Und wem beim Erlösung und Gnade heischenden "Salva me" die Tränen in den Augen steigen, muss sich keiner Gefühlsduselei schämen, denn Verdi stellt bei aller kompositorischen Meisterschaft die Eingängigkeit der Aussage ins Zentrum seiner Tonsprache.
Wie kaum sonst lässt sich die kathartische Wirkung dieser Totenmesse in der italo-angelsächsischen Produktion erleben, die Carlo Maria Giulini im Verbund mit dem legendären EMI-Produzenten Walter Legge 1964 zu Stande brachte. Es ist vor allem die Stringenz, die dramatische Gespanntheit, die Giulinis Aufnahme zur Ausnahmeeinspielung macht. Zügige Tempi verhindern das – sonst so oft beobachtbare – gefühlige Baden in "Höhepunkten". Bei aller Gewalttätigkeit des Riesenchores und -orchesters spürt der Detailfetischist Giulini das Filigrane, Schattierungsreiche von Verdis Partitur auf (und Legges hellhörige Toningenieure taten ein Übriges).
Die Kraft und stimmliche wie deklamatorische Intensität, mit der Elisabeth Schwarzkopf ihr flehentliches "Libera me" erfahrbar macht, steht beispielhaft für das phänomenale Solistenquartett. Wie zur nachträglichen – und endgültigen – Wiedergutmachung an Verdi zeigt dieses Ensemble, dass Emphase – menschlich und künstlerisch echte – dem liturgischen Wort nichts von seiner Bedeutung nimmt, im Gegenteil.

Christoph Braun, 31.03.2000



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