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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 5

Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

BMG/RCA 82876 60749-2
(157 Min., 7/2004) 2 CDs, CD 1: 73 Min., CD 2: Probenmitschnitte 74 Min

Kirmes neben Choral, Tanzboden neben Tabernakel: zwischen diesen Extremen ist Harnoncourts neueste Bruckner-Exegese anzusiedeln. So deutlich wie kein anderer sieht der 75-Jährige, in Graz Aufgewachsene in Bruckner einen Landsmann, dem die Wirtshausgeige ebenso vertraut war wie die Orgel im Linzer Dom. Vehement betont er denn auch seit 10 Jahren, dass der fromme Katholik nur die eine Seite der Bruckner'schen Persönlichkeit ausmacht und dass man keineswegs gläubig sein müsse, um die letzten Tiefen dieser sinfonischen Großtaten zu verstehen. Denn nicht minder wichtig ist der jugendliche “Bratlgeiger”, der die Tanzmusik seiner bäuerlichen Heimat bestens kannte und der diese primär körperliche Musikerfahrung ganz unmittelbar in sein späteres Schaffen einfließen ließ.
Hier in der Fünften offenbart dies naturgemäß das Scherzo am deutlichsten. In ihm fühlt sich Harnoncourt regelrecht “zu Hause”, so blutvoll, aber auch so nuancenreich inszeniert er die Wechsel und Kombinationen von Bauerntanz, Jodler, Wiener Schmankerln und dämonischem Furioso. Überhaupt gehört die rhythmische Präzision und Homogenität in allen vier Sätzen zu den größten Meriten dieser Live-Einspielung - Ergebnis harter Detailarbeit, wie auch der mitgelieferte Probenmitschnitt belegt.
Die Wiener Elitetruppe folgt ihrem Ideengeber willig, ja hingebungsvoll. So gerät ihr etwa mit jenen Vorgaben das Choral-Thema des Adagios als ein von ruhigem Atmen getragenes Vorwärtsschreiten (und nicht, wie sonst üblich, als statisch-weihevolles Sterbeamt). Allerdings belässt es Harnoncourt nicht beim Anti-Sentimentalen. Konnte man ihm in seinen früheren Bruckner-Einspielungen noch ankreiden, das Gewaltsame, Eruptive vernachlässigt zu haben, so zielt dieser Vorwurf spätestens an seiner eruptiven Darbietung der Neunten vorbei. Die Fünfte steht ihr in nichts nach, so dass man nun von einem zweiten Höhepunkt dieses Zyklus sprechen muss. Auch wenn Harnoncourt (wie alle heutigen Kollegen) im kontrapunktisch vertrackten Wahnsinn der abschließenden Doppelfuge auf Furtwänglers unbändigen Accelerando-Exzess verzichtet: hier, beim finalen Choraleinsatz, tut sich wahrlich der Himmel auf - so wie es sich der arme, von allen denkbaren irdischen Zwängen und Ängsten beherrschte Bruckner wohl erträumt haben mag.

Christoph Braun, 01.01.2005



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