Eine Sensation: Dieser "Siegfried" ist Teil einer kompletten Bayreuther Tetralogie aus dem Jahre 1955 - des ersten in Stereotechnik produzierten Rings. Die musikalische wie aufnahmetechnische Meisterleistung erschien allerdings niemals im Handel. Die Gründe dafür sind - vor dem Hintergrund des betriebenen Aufwands - heute nur noch bedingt nachvollziehbar (ein ausführlicher Beihefttext gibt detailliert Auskunft darüber): Ein Argument war wohl, dass Teldec/Decca auch eine Studio-Gesamtaufnahme des "Rings" plante und sich davon ein vollkommeneres Ergebnis erwartete als von den Livemitschnitten; darüber hinaus gab es juristische Hürden, die durch den Konkurrenzkampf zwischen EMI/Columbia und Teldec/Decca zustande kamen: Ein Exklusivvertrag der EMI, verbunden mit einer siebenjährigen "Ring"-Sperre, war im Weg. Nun wagt Stewart Brown, Gründer und Besitzer des englischen Historica-Labels "Testament", die Erstveröffentlichung, beginnend eigentümlicherweise mit "Siegfried", dem zweiten Teil der Tetralogie; die drei anderen "Ring"-Teile werden noch dieses Jahr erwartet.
Die Aufnahme begeistert restlos und lässt den Wagnerfan die drei übrigen Teile sehnlichst erwarten: Eine legendäre Starbesetzung mit Windgassen, Hotter, Neidlinger und Varnay in Stereoqualität genießen zu können, steigert das Hörvergnügen (z. B. im Vergleich mit dem kürzlich bei Orfeo erschienenen 1956er Mono-"Ring") beträchtlich. Nicht nur Hans Hotter klingt hier runder, voller und körperhafter; auch Paul Kuen, der gefeierte Nachkriegs-Mime, und besonders Gustav Neidlinger, einer der brillantesten und stimmlich versiertesten Alberich-Darsteller, gewinnen ungemein - ganz zu schweigen von Wolfgang Windgassen in der Titelpartie und Astrid Varnay als Brünnhilde: Dieses einzigartige Interpretenpaar des Wagnergesangs brilliert mit schier unerschöpflichen stimmlichen Kapazitäten im ekstatischen Liebesdialog der dritten Szene des dritten Aktes. Man holt sich mit dieser Einspielung ein exzeptionelles Ensemble quasi ins Wohnzimmer und hat den Eindruck, die Stimmen der legendären Sänger noch genauer, noch intimer kennen lernen zu können. Großartig, eine editorische Glanzleistung.

Michael Wersin, 01.02.2006



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