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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Mozarts subtile musikalische Ironie und der trockene, unsentimentale Humor der Engländer haben immer schon gut zusammengepasst. Und speziell für seine doppelbödige letzte Opera buffa "Così fan tutte" scheint England ein guter Boden zu sein. Hatte Fritz Busch in Glyndebourne schon vor sechzig Jahren die lange Zeit missverstandene Oper endgültig von den Sünden und Fehlurteilen des 19. Jahrhunderts gereinigt, so hat Simon Rattle vor vier Jahren an gleicher Stelle den zwischenzeitlich schon wieder verschütteten "aufklärerischen" Ansatz Buschs grandios wiederbelebt, mit einem der derzeit besten Originalklangensembles, dem Orchestra of The Age of Enlightenment.
Die nun nachgereichte Schallplatten-Version dokumentiert zwar eine spätere konzertante Aufführung der Oper in der akustisch vorzüglichen Symphony Hall in Birmingham, aber ihr theatralischer Elan ist immer noch elektrisierend: Mit seinem untrüglichen Gespür für die Sinnlichkeit, Körpernähe und Vitalität dieser Musik entfaltet Rattle alle emotionalen Doppelbödigkeiten und seelischen Abgründe der tragischen Komödie ganz aus dem natürlichen Spielfluss, und das wunderbar mitfühlende Orchester setzt seine "swingenden" Zeitmaße mit phänomenaler Präzision, Elastizität und Eleganz um.
So drängend, so spannungsgeladen, so erotisch gefährlich und zugleich süffisant-ironisch habe ich diese Oper noch nie erlebt. Alle zuvor von klugen Köpfen geäußerten Hypothesen über die Abstraktheit der Konstruktion, über die angeblich mechanistische Dramaturgie, über die Geometrie einer spiegelsymmetrischen Anlage und dergleichen scheinen von diesem Rausch der Sinne und des pulsierenden Lebens wie weggeblasen.
Das unglaublich sicher agierende, hochprofessionelle Solisten-Ensemble hat entscheidenden Anteil an diesem "Sturm der Leidenschaften": Hillevi Martinpelto (Fiordiligi) und Alison Hagley (Dorabella) bilden in ihrer perfekten vokalen Abstimmung endlich ein glaubhaftes Geschwisterpaar, das in Kurt Streits heldischem Ferrando, in Gerald Finleys kernigem Guglielmo und in Thomas Allens souveränem Don Alfonso ein hochkultiviertes männliches Gegenspieler-Trio findet. Diesem gelingt es sogar, hinter der überschwenglichen Maskerade britisch-subtil auch die Lächerlichkeit und den bösen Zynismus des Seelenexperiments durchscheinen zu lassen. Nur Ann Murrays allzu launige Buffa-Parodie der kecken Zofe wirkt stimmlich gelegentlich etwas "reif". Am Referenz-Status der Aufnahme aber ändert es nichts, zumal auch die EMI-Tonmeister auf den Pfad der Vernunft zurückgekehrt sind und die fantastische Saal-Akustik in bestes Licht rücken.

Attila Csampai, 01.01.1997



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