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Robert Schumann

Cellokonzert und andere Cellowerke

Steven Isserlis, Felicity Lott, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Christoph Eschenbach

RCA/BMG 09026 68800 2
(74 Min., 4/1996, 6/1996, 3/1997) 1 CD, DDD

Nur eines fehlt dieser CD, dann wäre sie vollkommen: das Spätwerk der fünf „Romanzen" für Violoncello und Klavier, dessen Original Clara Schumann verbrannte („unwert") und von dem Steven Isserlis immer noch hofft, irgendwann, irgendwo, eine Kopie aufzufinden. Dann nämlich wäre das Gesamtwerk Schumanns für Cello komplett!
Aber während Isserlis weiterforscht, ist uns auch dieser „Torso" hochwillkommen. Denn schöner kann man dem „Herold eines Neuen Poetischen Zeitalters" (so sein Biograf John Daverio) nicht huldigen, kunstvoller oder, im Jargon der Zeit, inniger, als Isserlis es hier tut, und mit ihm das fabelhafte Orchester sowie Christoph Eschenbach als Dirigent und Pianist. Es ist, im a-Moll-Konzert, einfach verblüffend, wie minutiös das Orchester den Ton des Solisten aufnimmt, wie offenhörbar von allen Beteiligten etwas erarbeitet wurde - in einer Zeit des Jet-Virtuosentums und knapper Studiozeiten ein kleines Mirakel. Die zwei Seelen, ach!, in Schumanns Brust, ein gewisser Florestan und ein gewisser Eusebius, führen beredten Dialog miteinander, auch dann, wenn sie miteinander zu kämpfen scheinen; gerade im Kopfsatz des Konzertes wird ja eine Geschichte erzählt, worin das Solocello für den introvertierten, eben „innigen" Eusebius steht und das Orchester für den weltzugewandten, mitunter auch bedrohlichen Florestan.
Dank Isserlis, Eschenbach und dem Orchester versteht man wohl Schumanns Neigung zur Literatur (E. T. A. Hoffmanns und Jean Pauls vor allem): Mehr als in seinen eigenen Dichtungsfragmenten, etwa „Selene", erzählt er in seiner Musik eine tiefromantische, tiefgründige Novelle. Und vor diesem Hintergrund von Seelenverwandtschaft, die der Aufnahme allzeit anzuhören ist, verblüfft es auch kein bisschen, dass Isserlis selbst einen Beihefttext schrieb, der die üblichen „Werke" dieser Gattung weit hinter sich lässt – nicht nur an Einsicht in die Musik selbst, sondern auch an Formulierkunst und Witz. Ganz beiläufig zitiert er den Cellisten Bockmühl, der das Konzert uraufführen sollte: „Ich habe das Gefühl, dass das Konzert mir geradezu auf den Leib geschrieben ist, denn es scheint großartig, kühn, edel und voller Pathos zu sein!" Minimalistischer Zusatz von Isserlis: „... schrieb der bescheidene Mann." Nun, wenn es einem auf den Leib geschrieben ist (und die Kammermusik dazu), dann Herrn Steven Isserlis - über den Abgrund von mehr als hundert Jahren hinweg.
Sogar das Offertorium aus der c-Moll-Messe op. 147 findet sich auf diesem silbernen Kleinod, von Schumann für Sopran, Orgel und Violoncello gesetzt, sowie das originale Ende des Konzerts nach der Cadenza: nur ein paar Takte. Aber auch sie zeigen, mit welchem Können, welcher Liebe, welcher Akribie hier gearbeitet wurde. Also bloß nicht abschrecken lassen von dem Pseudo-Pop-Cover!

Thomas Rübenacker, 01.06.1997



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