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Edgar Varèse

Das Gesamtwerk

Asko Ensemble, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Riccardo Chailly

Decca 460 208-2
(150 Min., 1992 - 1998) 2 CDs

Der geballte Varèse - das ist für jeden Hörer ein gewaltiger Brocken. Hinterher fühlt man sich ungefähr wie nach zweieinhalb Stunden Boxtraining mit Mike Tyson als Sparringspartner. Das ist nicht im mindesten negativ gemeint, doch Varèses Musik gehört nun einmal zum Härtesten und Kompromißlosesten, was in diesem Jahrhundert komponiert worden ist.
Edgar Varèse war einer der großen erratischen Blöcke der Neuen Musik, war extrem selbstkritisch (deswegen paßt sein Gesamtwerk auch auf zwei CDs!), weigerte sich, “Schule zu machen”, und beeinflußte trotzdem so verschiedenartige Musiker wie Karlheinz Stockhausen, Charlie Parker und Frank Zappa.
Dieser Gesamteinspielung gebürt allerhöchstes Lob; zu den bisher bekannten Werken treten zwei nachträglich edierte bzw. rekonstruierte Stücke sowie die von Anthony Beaumont angefertigte Orchestrierung von Varèses frühem Lied “Un grand sommeil noir” - dem einzig erhaltenen Zeugnis seiner spätromantischen Frühphase. Besonderes Interesse verdient die erstmalige Einspielung des gewaltigen Orchesterwerks “Amériques” in seiner Urfassung - die einen noch größeren Apparat benötigt als die bekannte revidierte Version (allein sechsundfünfzig Bläser!).
Riccardo Chailly liegt diese Musik spürbar im Blut. Er stellt die Schärfen und verletzend rauhen Kanten schonungslos heraus, unterschlägt aber andererseits nicht die stets zugrundeliegende Emotionalität von Varèses Klangsprache. Der Gefahr, den Komponisten wie einen technikbesessenen Finsterling klingen zu lassen, begegnet Chailly mit einer Offenlegung der Bezüge zur Vergangenheit, die zumindest bei Varèses frühen Werken, etwa in den “Amériques” und auch in “Arcana”, durchaus noch vorhanden sind. Hervorragend gelungen sind auch die “Déserts” mit ihrer Kombination von instrumentalen und - eigens für diese Einspielung neu aufbereiteten - elektronischen Klängen.
Bei dieser Aufnahme ist wirklich alles vorbildlich geraten - Interpretation, Klang und Präsentation. In einer Zeit, in der die Plattenfirmen zunehmend auf Nummer Sicher gehen und immer mehr laue Crossover-Erzeugnisse auf den Markt werfen, kann ein solch mutiges Projekt nicht genug gewürdigt werden.

Thomas Schulz, 01.05.1998



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