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Frédéric Chopin

Vier Scherzi

Ivo Pogorelich

Deutsche Grammophon 439 947-2
(41 Min., 9/1995) 1 CD, DDD

Dass Ivo Pogorelich, der letzte Romantiker und einzige echte Exzentriker in der zunehmend von Langweilern und Technokraten beherrschten Klavierszene, nicht zu den "großen Pianisten des 20. Jahrhunderts" der Philips-Edition zählen soll, ist ein schlechter Witz. Allein seine an musikalischer Raffinesse, pianistischer Feinarbeit und interpretatorischer Kühnheit unübertroffene Einspielung der Chopin-Préludes (siehe CD-Olymp) garantiert ihm einen Dauerplatz in der Hall of Fame.
Jetzt hat Pogorelich wieder zu seinem Lieblingskomponisten Chopin zurückgefunden, und mit dem Quartett seiner Scherzi ähnlich bedeutsame Werk in ähnlich extremer Weise aus dem Dämmerzustand der Normalität gerissen. Auch Pogorelich-Verächter dürfen sich wieder bestätigt fühlen, denn er treibt auch hier wieder, wo es sich geradezu anbietet, die Gefühlsschwankungen und Stimmungsgegensätze auf die Spitze, bis an die Grenzen des manuell Machbaren. So herzzerreißend-verzweifelt, manisch und zugleich depressiv-melancholisch, wie er die ersten drei Moll-Scherzi fast autistisch durchlebt, verleiht er diesen wohlbekannten Stücken eine unerhört neuartige und geradezu gespenstische Aura des dämonisch Albtraumhaften und Bizarren.
Zugleich gelingt es Pogorelich, auch die musikalischen und konzeptionellen Fortschritte Chopins in seinen (über einen Zeitraum von zwölf Jahren komponierten) Scherzi differenziert nachzuzeichnen, also Chopins inneren Reifeprozeß von der ungestümen Kontrastthematik des h-Moll-Scherzos bis zu der abgeklärten, zwielichtigen Vielschichtigkeit des abschließenden E-Dur-Scherzos. Am meisten fasziniert mich Pogorelichs unvergleichliche Fähigkeit, ein Höchstmaß an pianistischer Kontrolle und Raffinesse mit dem Flair des Lebendigen, Gegenwärtigen und des grandios Heroischen ausstatten zu können. Dass er sich dazu einige, für ihn notwendige Freiheiten nimmt, stört mich weniger. Die Spieldauer von einundvierzig Minuten für ein Hochpreisprodukt dagegen scheint mir ziemlich dreist.

Attila Csampai, 01.06.1998



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