Unter Mozart-Experten gilt sie bis heute als beste, fesselndste Aufnahme der ganzen Don-Giovanni-Diskografie: Bruno Walters legendäre Aufführung an der Metropolitan Oper am 7. März 1942. Nach Ablauf der fünfzigjährigen Sperrfrist ist der zuvor in diversen Piratenpressungen kursierende Live-Mitschnitt in einer neuen italienischen 3-CD-Edition endlich für einen breiteren Kreis von Mozart-Freunden greifbar. Die schwerwiegenden akustischen Mängel der mittlerweile vierundfünfzig Jahre alten Mono-Aufzeichnung sind freilich keine Spur besser geworden: Sie bewegen sich auch nach der jetzt vorgenommenen digitalen Kosmetik am unteren Rand des Zumutbaren. Aber wenn man nur eine Weile hineingehört hat in das ziemlich ruinöse Klangbild, dann beginnt man allmählich zu begreifen, warum diese Mozart-Sternstunde musikalisch allen späteren Studioversionen bis heute standhalten konnte.
Es gibt ja immer wieder solche "magischen" Augenblicke, solche optimalen Himmelskonstellationen, in denen selbst routinierte Größen über sich hinauszuwachsen vermögen, und sich in einem kollektiven schöpferischen Taumel gegenseitig zu Höchstleistungen beflügeln. Und einen solchen Augenblick der Verzauberung, der vollkommenen Illusion, entfachte Bruno Walter an jenem denkwürdigen Märzabend in der New Yorker Metropolitan Oper, und er ließ das gebannte Publikum das erotische Prinzip und die geradezu heidnischen Urkräfte von Mozarts Musik spüren.
Die Vitalität, den erregten Pulsschlag, die stets aufgewühlte Emotion dieser Oper hatte bereits Fritz Busch in seiner Studioaufnahme von 1936 getroffen, Walter aber rückt die tragische Komödie in die weltbewegenden Dimensionen eines apokalyptischen Welttheaters, eines Menschheitsmythos, der widerstreitenden Urgewalten von Eros und Thanatos: Er führt uns mit Mozarts Musik bis an die Pforten der Hölle, damit wir das Unglaubliche, das Unfassbare, das Unmögliche miterleben können.
Natürlich konnte Walter diese magische Beschwörung nur mit jenem herausragenden Ensemble verwirklichen, das ihm damals in New York zur Verfügung stand, und das noch ein wirkliches "Ensemble" war. Nicht nur die Titelpartie war mit dem wahrlich "erotisch" timbrierten basso cantante Ezio Pinza optimal besetzt, sondern neben ihm agierte die Crème des Mozart-Gesangs: der kernige Russe Alexander Kipnis als Leporello, die Tschechin Jarmila Novotna als überaus resolute Donna Elvira, der großartige Belcanto-Tenor Charles Kullmann als Don Ottavio und der brasilianische Publikumsliebling Bidu Sayao als püppchenhaft-kecke Zerlina.
Eine Winzigkeit mag den wahren Ensemblegeist dieser Truppe bezeugen: Als der rhythmisch etwas unruhige Alexander Kipnis im Sextett des zweiten Aktes aus dem Takt gerät und (bei: "Perdon, perdono ...") zweimal falsch einsetzt, kommt ihm Jarmila Novotna, die als Elvira gerade einige Takte Pause hat, geistesgegenwärtig zu Hilfe, und singt ihm seinen Part eine Oktave höher einfach vor, bis jener wieder Tritt fasst. Kann man sich eine solche spontane Hilfe heute überhaupt noch vorstellen? An diesem Abend kreisten wirklich alle Schutzengel über New York ...

Attila Csampai, 01.04.1996



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