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Jan Dismas Zelenka

Triosonaten

Heinz Holliger, Thomas Zehetmair, Klaus Thunemann u.a.

ECM/Universal 462 542-2
(99 Min., 6/1997) 2 CDs

Dass eine Aufnahme nicht mindestens dreißig Jahre abgehangen und luftgetrocknet sein muss, um zu CD-olympischen Ehren zu gelangen, beweist eine Einspielung aus dem Jahr 1997 der wahrhaft genialischen Triosonaten des Dresdner "Kirchencompositeurs" Jan Dismas Zelenka. Und doch ist es auch wieder nur die halbe Wahrheit. Denn Heinz Holliger hatte mit fast denselben Mitspielern 1972 eben diese Triosonaten erstmals eingespielt und damit eine wahre Zelenka-Renaissance ausgelöst. Die jüngere Aufnahme profitiert zweifellos von der jahrelangen Beschäftigung mit dem Werkzyklus. Die innere Reifung und Abgeklärtheit merkt man der Interpretation deutlich an.
"Anlangend seine Werke", schrieb Friedrich Rochlitz 1825 über Zelenka, "so zeugen sie von einem Tiefsinn, von einer Kenntniß gelehrter Harmonie und einer Geübtheit in deren Handhabung, die ihm seinen Stuhl nahe an den Vater Sebastians rücken". Was Zelenka mit Johann Sebastian Bach verbindet und vom routiniert-eleganten Telemann und dem weltgewandt-dramatischen Händel unterscheidet, ist sein fast faustisches Bemühen, im Rahmen der Möglichkeiten seiner Zeit das zu ergründen und auszuschöpfen, was die Musik "im Innersten zusammenhält". Ähnlich wie Bach in der "Kunst der Fuge" demonstriert Zelenka in seinen Triosonaten seine ganze kontrapunktische Kunstfertigkeit und führt dem staunenden Zuhörer die Fülle seiner kompositorischen Meisterschaft exemplarisch vor. Die im zeitüblichen Sixpack entstandenen Triosonaten lassen sich als ein Reflex auf Zelenkas Lehrzeit beim Wiener Meister Johann Joseph "Gradus ad Parnassum"-Fux verstehen und zählen ohne Übertreibung zu den größten Werken barocker Kammermusik.
Die neuere Interpretation übertrifft nicht nur die eigene frühere Aufnahme, sondern sämtliche derzeit erhältlichen Gesamtaufnahmen an Virtuosität, an Spielfreude und an Ernsthaftigkeit des künstlerischen Ausdrucks. Den Instrumentalisten glückt es, die faszinierende und schillernde Paradoxie dieser Kompositionen, ihre restaurativen und ihre antizipatorischen Stilelemente, ihre Kraft und ihre Zerbrechlichkeit ebenbürtig umzusetzen. Trotz der analysierenden Herangehensweise verstehen es die Musiker, die immense Komplexität der musikalischen Struktur vergessen zu machen und sie in geradezu swingende Leichtigkeit und Vitalität zu verwandeln. Genuss an der sinnlichen Schönheit der Komposition und Freude an ihrer musikalischen Intelligenz gehen bei dieser Interpretation Hand in Hand. Der unzeitgemäße Zelenka – es ist schon bemerkenswert, dass ihn erst unsere Zeit zu begreifen und nachzuempfinden beginnt.

Markus Kettner, 01.12.1999



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