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Maurice Ravel

Das Soloklavierwerk

Walter Gieseking

EMI 5 74793 2
(118 Min., 12/1954) 2 CDs

Nur ganz selten in der Geschichte der Schallplatte gibt es diese Aufnahmen, in denen sich eine große Vision ganz wiederfindet, sie erfüllt bis zum Rand. Und manchmal verändert solch eine Vision den Blick auf ein Werk für immer. Der Ravel-Stil, den wir heute als Inbegriff lateinisch-kultivierten Klavierspiels bewundern, ist von einem Mann geschaffen worden, der kein Franzose war, auch wenn er - eher zufällig - 1895 in Lyon geboren wurde.
Als Walter Gieseking 1928 in Frankreich erschien, brachte er einen Ravel mit, wie ihn die am Pariser Conservatoire geschulten Pianisten noch nie gehört hatten. "Gieseking spielte Ravel und Debussy wie ein Gott. Ich sollte das nicht sagen, aber es gab keine Franzosen, die ihm darin gleichkamen", schrieb die legendäre Jeanne-Marie Darré. "Es gab eine Zeit, da wollten alle so spielen wie er", bemerkte Magda Tagliaferro.
Was war das Neue, Unerhörte? Die älteren französischen Ravel-Aufnahmen sind überraschend grafisch. Sei es ein Robert Casadesus, der sagte, er sehe Ravel in der Tradition eines Couperin, sei es die junge Monique Haas oder die knisternd perkussive Monique de la Bruchollerie – wir hören Ravels Klaviermusik in einer gestochen scharfen, manchmal etwas trockenen, clavecinistischen Transparenz, die für uns heute den Reiz des Fremden besitzt. Ravel hat diesen Stil übrigens durchaus autorisiert. Dann kam Gieseking und spielte das Klavierwerk Ravels in der Salle Pleyel an einem Abend. Dieser hünenhafte Mann zauberte die leisesten, immateriellsten Klänge aus dem Klavier, die man jemals gehört hatte. Hundertmal trete Giesking das Pedal in einem Takt, erzählte ein Pianist in leiser Verzweiflung.
Die flatternden Akkordfolgen der "Noctuelles", der Nachtfalter aus den "Miroirs" scheinen tausend Farben zu reflektieren und bleiben doch konturiert und deutlich. Gieseking kolorierte Ravels geschliffene Sätze, aber er weitete sie nicht zu impressionistischen Farbflächen. Die makellose Klarheit, die französische Pianisten hier mit manchmal knöchern-hartem Fingerspiel erkauften, Gieseking gewann sie in magischer, unendlich nuancierter Gewichtslosigkeit. Er erfand einen neuen Ravel-Klang, und diese EMI-Aufnahmen dokumentieren das Wunder ohne Abstriche.
Man höre einmal, wie Casadesus die grausam schwere "Toccata" spielt, mit der der "Tombeau de Couperin" endet. Sein athletischer, gegen Ende lisztianisch getürmter Entwurf ist grandios. Doch wie Gieseking über die Tasten fliegt, lässt uns vergessen, dass er sie überhaupt anschlagen musste. Die unfassliche Mühelosigkeit war hart erarbeitet. Dieser Riese war Zeit seines Lebens leidender, als man glaubte. Und doch öffnete er in der scharfkonturierten Musik des "Uhrmachers" Ravel abschweifende Wege ins Verschattete, wie sie nur der Übersensible, Leidende findet.
Gerade in den "Valses nobles", die nach energischem Beginn rasch in gedankenverlorenen Monologen einer pianissimo-gedämpften Stimme verdämmern, meint man unter der vollkommensten aller Klangoberflächen, je öfter man dieses Spiel bewundert, ein vages Aroma melancholischer Verlorenheit wahrzunehmen, etwas, das in der meisterlich-objektivierten Musik Ravels keinen Raum zu haben scheint. Eine eigentümliche Traurigkeit, die, von allem biografisch Fassbaren abgelöst, nur aus ein paar vollkommenen Akkorden spricht - im "Menuet" der Sonatine oder auch auf der letzten Seite des "Vallée des cloches", vielleicht dem Höhepunkt dieses verfeinerten Farbenspiels.
Wie die Valeurs der pp-Akkorde changieren, wie sie gleichsam erblassen, bis nurmehr das kahle Glockenklingen übrig bleibt, das hat niemand kopieren können. Ein pianistisches Wunder. Und mehr noch. Die Essenz einer lebenslangen Kunsterfahrung scheint sich in diese wenigen Klänge zurückgezogen zu haben. Dort ist sie eingeschlossen für immer.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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