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Robert Schumann

Dichterliebe

Fritz Wunderlich, Hubert Giesen

DG 449 747-2
(1965)

Im März 1963, dreieinhalb Jahre vor seinem frühen Tod, gab Fritz Wunderlich sein Münchner Liederabend-Debüt im Herkulessaal der Residenz. Der selbstkritische Sänger hatte sich mit dem Liedgesang viel Zeit gelassen, weil er die absolute Beherrschung seiner Stimme als unbedingte Voraussetzung für eine befriedigende Leistung in dieser Gattung erkannt hatte. Dennoch brachte das Münchner Konzert sehr durchwachsene Kritiken, und Wunderlich sah sich veranlasst, etwas zu unternehmen.
Auf Anraten seines Freundes Hermann Prey wandte er sich an den erfahrenen Klavierbegleiter Hubert Giesen; unter dessen Anleitung feilte er an Aussprache, Färbung und Legato. Robert Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" nach Texten von Heinrich Heine war das erste Werk, das Wunderlich und Giesen sich vornahmen, und es stand auch im Zentrum ihres ersten gemeinsamen Liederabend-Programms (ergänzt durch Lieder von Beethoven und Schubert).
Bis zu seinem Tod im September 1966 sang Wunderlich diese Lieder immer wieder im Konzert, und einer der erfolgreichsten Auftritte fand bei den Salzburger Festspiele 1965 statt. Es ist nicht nur der warme Regen einzigartig schöner Töne, der den Hörer des Mitschnitts bis heute berührt und begeistert, sondern darüber hinaus die vorbehaltlose Ehrlichkeit, die Wunderlichs Umgang mit den Liedern auszeichnet. Wunderlich hatte sich entschlossen, allein Schumanns musikalischer Umsetzung der Heine-Gedichte zu folgen und nicht zusätzlich dem ironischen Unterton, der allenthalben spürbaren Brechung des romantischen Lebensgefühls in den Gedichten nachzugehen.
Das ist ein prinzipiell anderer Umgang mit dem Kunstlied, als ihn Dietrich Fischer-Dieskau pflegte. Der etwaige Vorwurf einer naturburschenhaften, allzu unintellektuellen Herangehensweise wird beim Anhören des Mitschnitts schnell entkräftet: Wunderlich kann auf Grund seiner überragenden sängerischen Meisterschaft seinen Vortrag vollkommen durchlässig machen für jede Nuance seines Empfindens. Man erlebt die restlose künstlerische Umsetzung nicht intellektuell ausgetüftelter, sondern im Moment des Veräußerns wahrhaft erlebter Gefühlszustände.
Wunderlich und Giesen gingen mit ihrem erstem Liederprogramm auch ins Aufnahmestudio. Die bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung ist abgeklärter und mitunter weniger spontan. Obwohl es nicht Wunderlichs letzte Liederplatte ist, hat sie doch Vermächtnischarakter.

Michael Wersin, 01.12.1999



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