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Tijuana Moods

Charles Mingus

RCA Victor/BMG
(7/1957, 8/1957) 2 CDs

Was für ein Glück, dass Charles Mingus 1957 nach einer Trennung voll Liebeskummer nach Mexiko reiste. Denn dort fand er zwar nicht die große Liebe. Wohl aber reifte in Nachtklubs, Striptease-Lokalen, Bars und beim Kontakt mit Straßenmusikern der Gedanke, den Kontakt mit der mexikanisch-spanischen Musik für eine eigene Platte zu nutzen. Damit nahm Mingus 1957 die ansonsten mit den 1960 von Miles Davis und Gil Evans eingespielten "Sketches Of Spain" verbundene Tendenz vorweg, iberische Elemente in den Jazz zu integrieren. Die Plattenfirma RCA Victor konnte sich allerdings erst 1963 entschließen, die ungewöhnliche Platte zu pressen.
Das einleitende "Dizzy Moods" fußt auf der Akkordfolge von Dizzy Gillespies Komposition "Woody ’n’ You". Zunächst groovt die Band fast herkömmlich, doch über Rhythmuswechsel und flirrende Ensemblepassagen lassen sich der Trompeter Clarence Shaw, der Altsaxofonist Curtis Porter und der Posaunist Jimmy Knepper zusehends von der mexikanischen Hitze einfangen. Innerhalb weniger Sekunden schaffen danach in "Ysabel’s Table Dance" die Kastagnetten von Ysabel Morel, Bill Triglias Klavier und Charles Mingus’ dem Klang einer Gitarre nachempfundene Doppelgriffe auf dem Bass die Atmosphäre einer Nachtbar, während eine Striptease-Tänzerin von Tisch zu Tisch tanzt. "Diese Komposition ... enthält das Feuer, den Puls und alles, was ich fühlte, wie ich das Stück zu den Bewegungen ihres Körpers in meinem Kopf hörte." Diese Mischung aus folkloristischen Elementen und Jazz setzte Maßstäbe für alle ähnlichen Unternehmungen bis hin zu Chick Coreas Album "My Spanish Heart".
Der "Tijuana Gift Shop" scheint rege genutzt zu werden. Ganze Busladungen von Touristen scheinen einzutreten, die Souvenirs zu betrachten, kurz zu verharren und – eventuell nach einem Verkaufsgespräch – wieder zu enteilen. "Los Mariachis (The Street Musicians)" empfindet nach, wie die Straßenmusikanten in Mexico-Stadt ihre Zuhörer mit spanisch anmutenden Motiven sowie Elementen aus Barrelhouse-Piano, Blues, Walzer und Calypso unterhalten. Hier und in einer besinnlichen Version des Standards "Flamingo" wirkt der zwischen Melancholie und Schärfe schwebende Klang von Clarence Shaws Trompete wie ein Vorbild für Miles Davis’ Version der "Flamenco Scetches" von 1959 und der Platte "Sketches Of Spain".
Als "Tijuana Moods" 1963 nach mehr als fünfjähriger Archivlagerung endlich veröffentlicht wurden, schrieb der Jazzkritiker Martin Williams im Covertext, Mingus sei aufgebrochen, "seinen Jazz in Konzertmusik zu verwandeln". Er hat recht, wobei das komplexe Werk auch weit über die Verschmelzungsversuche von Jazz und Klassik hinausreicht, die im Third Stream der fünfziger Jahre unternommen wurden. Es bekennt sich zu seinem Jazz-Sein und ist daher ein direkter Vorläufer von Werken wie Wynton Marsalis’ postmodernem Ballett "Citi Movement" oder dessen Oper "Blood On The Fields".
Nachdem bereits 1986 einige Alternativ-Versionen von "Tijuana Mood" zugänglich gemacht wurden, enthält die seit Herbst 2000 vorliegende Doppel-CD auch zwei Versionen von "A Colloquial Dream (Scenes In The City)", in denen Mingus Lyrik und Jazz zusammenbringt. Die 1963 veröffentlichten Fassungen der Stücke waren aus mehreren Studiotakes montiert. Ihre manchmal harten Schnitte ließ die neue Edition unverändert. Die Alternativversionen wurden aus den verbleibenden Takes nach demselben Ablaufplan montiert. Sie verdeutlichen, wie eng bei dieser Band von Charles Mingus Komposition und Improvisation miteinander verwoben waren. Den Fauxpas der Erstveröffentlichung, Mingus’ Vornamen Charles auf dem Cover zu "Charlie" zu verniedlichen, übernahm die Neuausgabe aus historischen Gründen. Eine kleine Notiz auf dem Cover weist auf die damalige Inkorrektheit hin.
Es war ein Glücksfall für die Entwicklung des Jazz, dass Mingus in jenen Tagen nach der Trennung nicht gleich eine neue Frau fand, sondern seinen Schmerz zu Musik sublimierte.

Werner Stiefele, 01.06.2000



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