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Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart

Soloklavierwerke, Klavierkonzerte

Edwin Fischer, verschiedene Orchester

Music & Arts/Note 1 CD-1080 (6)
(1943 - 1953) 6 CDs

Edwin Fischer habe die Natur eines Kindes und Weisheit eines Meister besessen. Ein Magier sei er gewesen, schrieb sein Schüler Alfred Brendel. Und Claudio Arrau rühmte das ungeheuer "Seherische" Fischers. Nun hatten wir armen Spätlinge leider nicht die Gelegenheit, Fischer live zu hören, wenn er "in Form" war. Und das war nicht immer so. Zeitlebens litt er unter Lampenfieber, und nie soll er sich ganz wohl vor den Mikrofonen gefühlt haben. So geben viele der späten EMI-Aufnahmen nur ein mattes Abbild einer unergründlichen Musikerpersönlichkeit.
In dieser umfangreichen Box von Music & Arts aber gibt es Augenblicke, in denen die Magie sich über alle Hemmnisse hinweg freisetzt. Mozarts große c-Moll-Fantasie KV 475 ist unter Fischers Händen tatsächlich magisch, er lässt das fantastische, improvisatorische Wesen des Stückes in einem Maße frei, das eigentlich alles zerflattern müsste. Doch bei Fischer wirkt es dennoch seltsam fest, zusammengehalten durch wunderbar sonore Pianissimo-Übergänge, deren Spannung für eine kleine Ewigkeit zu reichen scheint. Hier hört man einen Klavierklang, der, pardon, wirklich an warmen Honig denken lässt.
In Beethovens selten gespielter Fantasie op. 77 fängt Fischer die ganze zentrifugale Energie in betörenden, langen melodischen Bögen auf, in denen Beethoven Schubert vorausahnt. Hier ist Fischer wirklich der "seherische Magier". Auch in einer ganz wunderbaren Aufführung des ersten Beethoven-Konzertes hören wir die mirakulösen Pianissimi, fast körperlos und doch deutlich. Fischer spiritualisiert den frühen Beethoven, seien es die brütenden Augenblicke am Durchführungsende oder das seltsam altersweise Seitenthema des ersten Satzes.
Weitere Raritäten sind die frühen Brahms-Variationen Opus 21/1 in einer klanglich ebenfalls betörenden, technisch makellosen Vorstellung und das Quintett mit Bläsern KV 452 von Mozart. Das sind durchaus schon genug Gründe für den Erwerb dieser Schatztruhe. Aber auch Dokumente des Verfalls können wir hervorholen. Am 14. September 1948 war Fischer wohl nicht in Form. Falsche Töne zuhauf in Brahms f-Moll-Sonate, einer seiner Spezialitäten.
Und dann, an einer einfachen Stelle im Scherzo, die Katastrophe: Fischer steigt völlig aus. Doch noch in diesem Inferno improvisiert er einen harmonisch makellosen, völlig neuen Schluss des Satzes. In der Katastrophe bewahrt Fischer eine Souveränität, die einer anderen Zeit angehört. Auch solche Fassetten sollte man wahrnehmen, gehören sie doch zu einem Porträt, das das Wesen dieses Musikers erahnen lässt oder in glücklichen Momenten einfängt.

Matthias Kornemann, 13.12.2001



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