Responsive image
Diverse

Arien, Callas à Paris, Toujours

Maria Callas

EMI 5 67733 0
4 DVDs, 3 CDs und 1 DVD

Es ist überflüssig, sich noch über Maria Callas zu streiten: Immer wieder werden ein paar Pedanten kommen und sich über ihren Charakter beschweren und einzelne unsichere Töne herauspräparieren. Ja, die Stimme der Callas ist manchmal hässlich oder scharf, aber sie ist viel öfter das Schönste und Aufregendste, das es für das menschliche Ohr gibt.
Neben ihrem legendären Temperament, ihrer Arbeitsbesessenheit und ihrer überragenden Musikalität charakterisierte der Produzent Walter Legge die Künstlerin Maria Callas folgendermaßen: "Am bewundernswertesten von all ihren Eigenschaften waren ihr Geschmack, ihre Eleganz und der tief musikalische Einsatz der Verzierungen in all ihren Formen und Kompliziertheiten, das scheinbar zwangsläufige Timing ihrer Portamenti, deren Bogen sie mit bezaubernder Grazie und Bedeutung variierte."
Nur wenigen Verantwortlichen war bewusst, was Maria Callas für die Kunst bedeutet. Selbst Walter Legge musste der EMI erst mit seiner Kündigung drohen, damit man ihm grünes Licht für die Callas gab, während er zudem über ein Jahr lang Blumentöpfe in ihr Veroneser Appartement schleppte, bevor der Vertrag 1952 endlich zustande kam, dessen grandioses Resultat im Kern zehn Recitals und vierundzwanzig Studio-Operngesamtaufnahmen sind.
Die Ausstattung der Callas-Produkte ist derzeit gehobener Kitsch. Anstelle kompetenter Erläuterungen bekommt man eine vor Melodramatik triefende Biografie und viele rosa-lila-kolorierte Bilder. Hat die homosexuelle Kult-Rezeption das Ruder nun ganz an sich gerissen?
Die hochformatige Box enthält drei CDs und eine DVD, die alle auch einzeln erhältlich sind. Es handelt sich um die Recitals "Lyrische und Koloratur-Arien" von 1954 unter dem für die Callas wichtigsten Dirigenten Tullio Serafin, ferner "Verdi-Arien I" von 1958 unter Nicola Rescigno und schließlich "Callas à Paris I" unter Georges Prêtre von 1961. Alle drei Recitals sind uneingeschränkt empfehlenswert.
Das erste Recital zeigt Maria Callas im Vollbesitz ihrer stimmlichen Mittel in einer alle Grenzen sprengenden Bandbreite von Rossini über Catalani bis zu Boito. Im zweiten Recital erreicht ihre Stimme als Lady Macbeth, als Abigaille ("Nabucco"), als Elvira ("Ernani") und als Elisabetta ("Don Carlos") zwar manchmal ihre Grenzen, aber was sie bietet, ist monumental. Wie das französische Repertoire von Gluck über Massenet bis zu Bizet zu klingen hat, offenbart das dritte Recital.
Die DVD "Toujours" dokumentiert in eher mäßiger Schwarzweiß-Qualität das Debüt der Callas an der Pariser Oper im Jahre 1958 unter Georges Sébastian. Wenn die Callas hier auch stimmlich nicht in Hochform ist, singt sie doch mit unglaublicher Kontrolle, Präzision und Dramatik. Von ihrer beeindruckenden Statik und ihrer potenziellen höchsten Agilität, ihrer stilisierten Bewegungssprache kann die heutige naturalistisch-zappelnde Regisseursriege nur lernen. Die Callas verzichtet auf Kopfstände und Sprungeinlagen ebenso wie auf lustige oder bedeutungsreiche Anspielungen, und trotzdem begeisterte sie schon damals Millionen von Menschen an den Fernsehgeräten ganz Westeuropas, wohin der Auftritt live übertragen wurde, sowie die politische, wirtschaftliche und künstlerische Prominenz im Parkett und in den Logen.
Das Geheimnis, weshalb Maria Callas die Arien Bellinis, Verdis oder Rossinis bis heute so überzeugend illuminieren konnte, scheint mir darin zu bestehen, dass sie noch den Ehrgeiz und die "Naivität" besaß, nach der wahren Psychologie ihrer Figuren zu forschen, nach der jeweiligen menschlichen Basis jenseits aller Theorie, sondern aus sich selbst heraus - und diese in Kunst umzuwandeln.

Cornelia Wieschalla, 17.01.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Den Dreh raus: Zu den Instrumenten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwinden, gehört die Drehleier. Mit ihrem Nachhall in den hohlen Winter-Quinten in Schuberts „Leiermann“ verabschiedet sie sich aus der Musikgeschichte. Dabei erfreute sie sich, als erstes Instrument, dass Saiten und Tastatur miteinander verband, das ganze Mittelalter hindurch noch eines hohen Ansehens, bevor sie zum Instrument der Bettler und fahrenden Musiker wurde. Den Höhepunkt ihrer […] mehr »


Top