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Diverse

Arien

Angela Gheorghiu, Orchester der Oper Covent Garden, Ion Marin

EMI 5 57264 2
(51 Min., 6/2001) 1 CD

Oper und ihr Kondensat, das Arien-Recital, ist ein seltsames "Schauspiel": kaum verklingen zarteste, innigste Töne aus einer nicht minder fragilen Frauenkehle, begräbt eine Horde johlender Männer den Zauber unter einem Gebrüll von Bravo-Rufen! Ob man es mit einem sublimierten archaisch-kannibalischen Ritual zu tun hat, weiß ich nicht. Bei Angela Gheorghiu jedenfalls, die sich seit ihrem nunmehr zehn Jahre alten, ebenfalls im Covent Garden gefeierten "Traviata"-Ruhm (siehe Rezension) zur "Diva assoluta" unserer Tage entwickelt hat, kann ich das eigenartige Mannsverhalten verstehen, erst recht dasjenige vom Juni letzten Jahres, als im Covent Garden die Begeisterung gleich ein Dutzend Mal losbrandete.
Angela Gheorghiu mildert wieder einmal meine Abneigung gegen Zusammenstellungen von Arien-"Höhepunkten", zumal hier gleich schon ihr erster Beitrag gefangen nimmt: "Lascia ch'io pianga", Händels schönste Arie aus "Rinaldo". Die historische Aufführungspraxis hat uns zwar längst gelehrt, im barocken Kontext auf geradlinige, helle, vibratolose Soprane zu hören, aber was Angela Gheorghiu hier wie auch als Gräfin in Mozarts "Figaro" mit "modernen" Mitteln des Portamento und des leichten Abdunkelns der Vokale an Leidens-Intensität hervorzaubert, ist schlichtweg betörend und lässt alle "Authentizitäts"-Fragen obsolet erscheinen.
Jenes "Herantragen", das (subtile!) Verschleifen eines Tones in den nächsten, ist Produkt einer vollkommen ausgefeilten Atemtechnik, die Gheorghiu schier endlose Legati und grandios aufblühende Dynamik-Bögen ermöglicht - zu bestaunen auch in den "Turandot"- und "Butterfly"-Beiträgen und den Kostproben aus Massenets "Manon" und Charpentiers "Louise".
Inzwischen darf man Angela Gheorghiu mit der Callas vergleichen, angefangen vom Tonumfang über die makellosen Koloraturkünste bis zum Repertoireumfang und der radikal intensiven Vergegenwärtigung der jeweiligen Rollen: es dürfte nicht mehr eindeutig sein, welcher "Göttin" man den Vorzug geben soll. Vielleicht fehlt der Gheorghiu noch ein Quentchen von jenem einzigartigen Feuer der Callas, aber die Wärme und Innigkeit hat sie, wie bei Bellinis "Casta Diva" oder dem herzerweichenden "O mio babbino caro" zu erleben, auf ihrer Seite.
Nur die letzte Zugabe hätte unterbleiben können, nicht weil mit "My Fair Lady" (bestes) Musical-Terrain betreten wurde, sondern weil sich Zeichen der Anstrengung bemerkbar machen. Das glaubte Angela Gheorghiu wohl den tobenden Männerhorden zu schulden. Gleichwohl: ein betörender Konzert-Mitschnitt.

Christoph Braun, 28.03.2002



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