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Diverse

Große Dirigenten des 20. Jahrhunderts: Leopold Stokowski

veschiedene Orchester, Leopold Stokowski

EMI 5 75480 2
(6/1971, 10/1971) 2 CDs

An mindestens einer Aufnahme dieses CD-Doppelpacks werden sich die Geister scheiden: einer von Leopold Stokowskis berühmt-berüchtigten Bearbeitungen, in diesem Fall besser einer Paraphrase, nämlich über Motive aus Wagners "Tristan und Isolde". Es fiele leichter, das Stück zu verdammen, wenn es wenigstens in handwerklicher Hinsicht schlecht gemacht wäre, doch das ist es nun mal nicht. Zwar reiht Stokowski ein Seufzermotiv ans Nächste, so dass am Ende doch nur eine Kitschversion von "Isoldes Liebestod" entsteht, doch das Wie deutet darauf hin, dass diesem Musiker wirklich mehr zuzutrauen ist.
Das Programm auf diesen CDs ist nach-, spät- und viel-zu-spät-romantisch und enthält auch Schmachtfetzen wie das "Gebet des Toreros" von Joaquín Turina (zugegebenermaßen unter Stokowskis Händen von betörenden Klangfarben!), drei kurze Orchesterwerke von Percy Grainger, einen "Russischen Matrosentanz" von Reinhold Glière. Nichts, weswegen man diese CD unbedingt haben müsste.
Kommen wir also zur Substanz: Die Sinfonien Nr. 1 von Jean Sibelius (1976 mit den New Yorker Philharmonikern) und Nr. 2 von Carl Nielsen ("Die vier Temperamente", 1967 mit dem Dänischen Rundfunksinfonieorchester) zeigen dagegen viel besser Stokowskis Sinn für Dramatik, für auf lange Abschnitte angelegte Spannungen. Auch sein besonderes Gespür für Klangfärbungen zeichnet diese Aufnahmen aus. Man kommt zur Überzeugung, dass diese tendenziell mit dunklen Farben gemalte Musik dem Dirigenten interpretatorisch besonders nah lag.
In dieser Richtung schließt sich auch die "Tragische Ouvertüre" von Brahms an. Und es ist erfreulich zu hören, dass tragisch für Stokowski keineswegs "in lahmender Erstarrung" bedeutet, sondern er hier 1977 - mit fünfundneunzig - geradezu munter ans Werk ging. Franz Liszts "Ungarische Rhapsodie Nr. 1" in Orchesterfassung ist ein ebenso farbenprächtiges Ereignis. Stokowskis Orchesterbeherrschung ist in diesen Aufnahmen in jedem Moment spürbar.

Matthias Reisner, 14.11.2002



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