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Diverse

Große Dirigenten des 20. Jahrhunderts: Charles Munch

Verschiedene Orchester, Charles Munch

EMI 5 75477 2
(1948 - 1966) 2 CDs

Man nannte ihn "Le beau Charles", er galt als sanft, vornehm, unaufdringlich, und die Leserinnen von "Elle" wünschten sich ihn 1949 bei einer Umfrage als idealen Dinnerbegleiter. Wer sich seine Aufnahmen von Saint-Saens' Ouvertüre zur "Gelben Prinzessin", Bizets Jugendsinfonie in C-Dur oder Mendelssohns Scherzo aus dem Oktett anhört, der kann sich den 1891 im Elsaß geborenen Charles Munch in der Tat als Frauenschwarm à la francaise vor dem inneren Auge vorstellen: gefällig, galant, leichtfüßig, mit Esprit und Witz wird hier musiziert. Seine Berliozsche "Korsaren"-Ouvertüre offenbart allerdings bereits einen wilden, leidenschaftlichen Frauenhelden.
Wer sich schließlich seine "Neunte" Beethoven zu Gemüte führt, wird vollends von jenem Bild des Galant Abschied nehmen: der "schöne Charles" hat sich in einen wütenden Choleriker verwandelt, mit dem man um keinen Preis fein essen gehen möchte. Munchs Beethoven schlägt in denkbar rabiaten Tutti-Attacken - in der typischen Bostoner Art: federnd-knallig - und in einem Tempo furioso auf den Tisch, dass einem der Mund offenbleibt. Zumindest in dieser Hinsicht nimmt Munch 1958 viel von der heutigen "authentischen" Beethoven-Sicht eines Gardiner oder Zinman vorweg.
Allerdings vernachlässigt er in seinem forschen Gewaltakt etliche dynamische Abstufungen; die plärrenden Oboisten sind zudem auch nicht gerade Meister der innigen Kantilene. Das Chorfinale wiederum packt den Hörer und strotzt nur so von Massenbegeisterung. Aber weder die metallen hart intonierenden Solisten (wohltuende Ausnahme: Leontyne Price) noch das stark idiomatisch gefärbte Schiller-Deutsch des Bostoner Konservatoriumschores machen aus dem Jubel eine reine Hörerfreude. En gros bleibt also ein deutlicher Zwiespalt für Munchs Beethoven-Maxime "wo gehobelt wird, da fallen auch Späne".
Die beiden Kostproben zu Martinu und Prokofjew, die als Generationsgenossen mit je eigener, klassizistischer Tonsprache die Musiktraditionen ihrer Länder fortführten, sind dagegen Musterbeispiele dynamisch ausgewogenen Musizierens. Martinu komponierte seine sechste Sinfonie, der er in (halber) Anlehnung an Berlioz "Fantaisies symphoniques" nannte, 1955 für das 75-jährige Bestehen des Bostoner Orchesters, explizit aber auch für dessen Chef, der in Boston zwischen 1949 und 1962 tätig war. Martinu schätzte an Munch dessen "spontanes Herangehen an die Musik", das den aufgeführten Werken häufig eine "Eigendynamik" beschert habe. Seiner letzten Sinfonie hat Martinu dies gewissermaßen einkomponiert - das häufige "Anziehen oder Abbremsen des Tempos" korrespondiere, so Martinu, Munchs Spontaneität (der denn auch vergleichsweise weniger Wert auf Probensorgfalt als auf das Konzerterleben legte).
Leider lässt sich dies bei der ein Jahr nach der Uraufführung gemachten Studio-Einspielung, bei der sich die subjektiven Temposchwankungen in Grenzen halten, nur bedingt nachempfinden. Das Geheimnisvolle, Traum- und Alptraumhafte aber, das Martinus Werk durchzieht, wurde dennoch wunderbar eingefangen. Dies gilt erst recht für die gleichermaßen lyrischen wie dramatischen "Ohrwürmer" aus Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" - ein Paradebeispiel für die kraftstrotzende Virtuosität des Bostoner Orchesters und die tief unter der "galanten" Oberfläche brodelnde Leidenschaft seines berühmten Chefs aus den Fünfzigern.

Christoph Braun, 05.12.2002



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