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Diverse

Große Dirigenten des 20. Jahrhunderts - Carlo Maria Giulini

Verschiedene Orchester, Carlo Maria Giulini

EMI 5 75462 2
(1956 - 1979) 2 CDs

Das kühne Profil mit Adlernase, die tadellose italienische Maßkollektion, die Unnahbarkeit des großen Magiers - das Image, das Carlo Maria Giulini anhaftet, macht nicht eben einen umgänglichen Kumpel aus dem 1914 geborenen, in Südtirol aufgewachsenen Süditaliener. Ob Klischee oder nicht - musikalisch passt zum vollendeten Gentleman seit jeher der ausgeprägte Sinn für Noblesse und kontrollierte Leidenschaft. In einer opulenten, gleichwohl differenzierten Klangpracht schlägt er sich nieder. Giulinis berühmteste Einspielung, Verdis Requiem aus dem Jahr 1964, belegt dies ebenso wie die nun erschienene Werkschau innerhalb der Reihe "Große Dirigenten des 20. Jahrhunderts", die Interpretationen der Jahre 1958 bis 1979 vereinigt.
Beethovens Siebte mit dem Chicago Symphony Orchestra aus dem Jahre 1971 kommt zunächst im Tempo konventionell-gemächlich, im Klang dunkel und basslastig daher. Eine schlanke Apotheose des Tanzes, wie sie etwa modernen "authentischen" Zinman- oder Gardiner-Versionen abzulauschen ist, sucht man hier vergebens. Gleichwohl nimmt auch Giulinis Deutung bald gefangen. Das liegt einmal am Geigenklang, an den vorzüglich präsenten Hörnern und wirkungsvoll eingesetzten Pauken. Sodann am zweiten Satz, dem stilisierten Trauermarsch, dessen Schreitrhythmus Giulini nicht zu falschem Pathos verführt, sondern zum Ausdruck eines ruhigen, tiefen Ernstes animiert. Das gilt auch für die Egmont-Ouvertüre, in der die Turiner RAI-Musiker sich zwar nicht frei von kleinen Patzern präsentieren, dafür aber das unerbittliche Vorwärtsdrängen ihres Leiters eindrücklich umsetzen.
Dieselben kraftvollen Bläser- und Paukentugenden der Beethoven-Deutung zeichnet das andere deutsche Werk dieser Anthologie aus. Dass in Schumanns "Rheinischer" die Hörner allerdings mitunter übers Ziel hinausschiessen, liegt nur bedingt an der Interpretation oder dem Philharmonia-Solisten als vielmehr an der Fassung der Sinfonie. Giulini wählte die heute irritierende, allzu opulent und bläserlastig erscheinende Version Gustav Mahlers, der Schumanns Sinfonie zu einer schlankeren Durchhörbarkeit der Einzelstimmen verhelfen wollte.
Der Eröffnungssatz ist ein Paradebeispiel geschmeidig-gravitätischer Eleganz, wohingegen das Scherzo zu behäbig ausfällt. Wie bei Beethoven markiert auch hier der langsame, "feierlich" überschriebene vierte Satz den Höhepunkt der Giulini-Kunst: ein Meister der aufwühlenden, drängenden Dramatik ist hier am Werk, und das Philharmonia-Orchester folgt ihm in feinste Temposchwankungen.
Noch mehr als die deutsche klassisch-romantische Epoche scheint das französische Repertoire Giulinis Domäne gewesen zu sein. Dies legt jedenfalls Ravels "Ma Mère l'oye", Bizets "Jeux d'enfants" und Strawinkis "Feuervogel"-Suite nahe. Die Feinarbeit, die in allen drei Werken waltet, macht aus den Aufnahmen Referenzeinspielungen.
Und wo bleibt die Heimat? Rossinis "Tancredi"-Ouvertüre sprüht vor flottem, gestochen scharfem Witz. Beim abschließenden Kaiser-Walzer hört man sogar einige wohlige, mitsummende Begleitgeräusche des sonst so vornehm zurückhaltenden Giulini. Abschließend noch eine HiFi-Überraschung: die beste Tonqualität haben ausgerechnet die ältesten Aufnahmen (Ravel und Strawinski) aus der Kingsway-Hall mit dem Philharmonia-Orchester vom Oktober 1956. Es lebe der Fortschritt.

Christoph Braun, 12.12.2002



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