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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Hector Berlioz

Symphonie fantastique

San Diego Symphony Orchestra, Yoav Talmi

Naxos 8.553597
(49 Min., 11/1995) 1 CD

Ob man Berlioz nun den Begründer der "Programmusik" nennen darf oder nicht: sein Programm war sein Ich. Kein Komponist vor ihm hat sich selbst derart direkt und schonungslos in Töne gesetzt wie er. Es ist warhaftig kein schönes, klassisch-wohlgeformtes Ich, das dem Hörer da entgegenklingt, sondern ein leidendes, vor Liebessehnsucht krankes, sich selbst zerstörendes Ich, dem eine bizarre Fratze aus dem Spiegel entgegenblickt (und dem die Umwelt nicht eben Verständnis entgegenbrachte). Will man das Hässliche, Bizarre als existenzielles Ausdrucksmittel in der modernen Musikgeschichte verorten, so gebührt der "fantastischen Sinfonie" des siebenundzwanzigjährigen Berlioz ein Pionier-Rang.
Yoav Talmi will davon wenig wissen. Was er mit seinen Sinfonikern aus San Diego zur Aufführung bringt, ist ein gezähmter, fast lauwarmer Berlioz, dem klassizistische Zügel angelegt werden (dabei verachtete Berlioz nichts mehr als das langweilige Nachplappern klassischer Formen bei seinen professoralen Zeitgenossen à la Boieldieu).
Pars pro toto: Wo der "Held" sich in der Ballszene des zweiten Satzes nach und nach in einen Rausch hineintanzt, um (vergeblich) seine hoffnungslose Liebe zu vergessen - so jedenfalls lässt sich das hinreissende Wogen eines Munch, Bernstein oder Gardiner deuten -, da zelebriert Talmi einen "ordentlichen" Walzer. Was die Hinrichtungs- und Hexensabbats-Exzesse der beiden letzten Sätze angeht, so muss man der akribischen Orchesterarbeit, insbesondere der vorzüglichen Bläser, Anerkennung zollen; das macht jedoch die Enttäuschung über den Mangel an Emphase nicht wett.
Vor allem fehlt es an deutlichen Dynamik-Kontrasten - die Überraschungen, die katastrophischen Einbrüche bleiben brav, Berlioz' Zerrissenheit nur erahnbar. Schließlich will der gewaltige Orchesterapparat in der Schlussstretta an die Grenzen des Spielbaren geführt werden. Statt dessen: tempogemäßigte Exaktheit. Und die auch noch in einem räumlich wenig differenzierten, flachen Klangbild.

Christoph Braun, 20.01.2002



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