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Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 1-20)

Artur Rubinstein, Clara Haskil, Alicia de Larrocha, Arturo Benedetti Michelangeli, Wilhelm Backhaus, Vladimir Horowitz, Wilhelm Kempff, Svjatoslav Richter, Claudio Arrau, Dinu Lipatti, Lhévinne, Rachmaninow, Maurizio Pollini, Murray Perahia, Mikhail Pletnev, Alfred Brendel, Stephen Kovacevich, Emil Gilels, Julius Katchen, Martha Argerich

Philips
Rubinstein(456 955-2), Haskil (456 826-2), de Larrocha (456 883-2), Michelangeli (456 901-2), Backhaus (456 718-2), Horowitz (456 838-2), Kempff (456 862-2), Richter (456 946-2), Arrau (456 706-2), Lipattis (456 892-2), Lhévinne (456 889-2), Rachmaninow (456 943-2), Pollini (456 922-2), Perahia (456 937-2), Pletnjew (456 931-2), Brendel (456 727-2), Kovacevichs (456 877-2), Gilels (456 793-2), Katchen (456 856-2), Argerich (456 700-2)

Nun rollt die Woge der großen, firmenübergreifenden Pianisten-Edition von Philips an. Hundert Folgen mit zweihundert CDs werden bis zum Herbst 1999 kommen. Mein Streifzug durch die ersten zwanzig kann angesichts der Menge wirklich nur streifen.
Ich beginne einfach bei den Fällen, wo Interpret und Werke schon in einem Atemzug genannt werden. Die absoluten Klassiker jeder Sammlung. Dazu muss ich nicht viel schreiben: Arthur Rubinstein (456 955-2), Chopin, die Auswahl mit der b-Moll-Sonate, den Balladen f und As und den vier Impromptus lässt keine Wünsche offen. Dann Clara Haskil (456 826-2) mit fünf Mozart-Konzerten; die beiden in Moll, ihr Testament, kurz vor ihrem Tod aufgenommen, sind auch dabei. Alicia de Larrocha (456 883-2) ist mit Albéniz’ kompletter “Iberia” da, mit der dritten ihrer vier Aufnahmen von 1972. Sie ist eine der Größten, unbedingt.
Dann Arturo Benedetti Michelangeli (456 901-2): Debussy, die DG-Aufnahmen, die “Images” komplett, die “Préludes” leider nur auszugsweise - die Hochpreis-Fassungen sollen auch noch gekauft werden. Bemerkenswert ist ein unveröffentlichter “Gaspard” (Ravel) von 1959. Wilhelm Backhaus (456 718-2), fünf Beethoven-Sonaten natürlich, aber live aus New York (1954). “Les Adieux”: Wieviel bittersüße Altersweisheit in den wenigen pp-Terzen kurz vor Schluß im “Wiedersehen”. Und “sein” Stück, das B-Dur-Konzert von Brahms unter Carl Schuricht.
Wladimir Horowitz (456 838-2) überrascht mit einem reinen Schumann-Programm, von 1932 bis 1987, sogar der schöne Beiheft-Text ist von Schumann, allerdings von Karl. Für die grandiose Humoreske op. 20 (1979), eine seiner weniger bekannten Aufnahmen, lohnt sich’s schon (es lohnt sich sowieso). Wilhelm Kempff (456 862-2) kommt mit den kompletten späten Klavierstücken von Brahms, es sind aber nicht die bekannteren Stereoaufnahmen der Grammophon (1964), sondern frühere von Decca, Anfang der fünfziger Jahre entstanden. Die ungestümen Capricci spielt er hier mit viel mehr Elan, auch technisch besser. Bemerkenswerterweise hat Alfred Brendel das ausgesucht.
Bei Swjatoslaw Richter (456 946-2) waren die Produzenten nicht zu beneiden. Die Richter-Diskografie zu kennen ist lebensfüllend. Mit dem kompletten Recital aus Sofia 1958 zu beginnen war ein Glücksgriff. Damit wurde Richter zum Mythos, bevor er ein Mal im Westen gespielt hatte. Die “Bilder einer Ausstellung” hat bis heute niemand elektrisierender interpretiert, die Hütte der Baba-Yaga kann trotz schlechter Aufnahmetechnik noch immer angstvolles Staunen auslösen. Dazu die Prokofjew-Sonaten Nrn. 6-8, das ist sein Terrain. Der junge Claudio Arrau (456 706-2) ist eine Offenbarung: Balakirews “Islamey”, eingespielt 1927 (da war er vierundzwanzig!): rasend, aber knisternd-trocken - ein Steppenbrand. Dann der erste Band von Albéniz’ “Iberia” (1946). “Ich bewegte mich auf dem Klavier wie eine Katze”, sagte Arrau von sich. Genau.
Jetzt sind wir bei den historischen Größen angekommen. Da wird Dinu Lipattis (456 892-2) Spiel niemanden unbewegt lassen. Seine “Alborada” von Ravel, scharf und elastisch wie eine Degenklinge, ist immer noch ein Mirakel der Pianogeschichte. Erst recht seine Chopin-h-Moll-Sonate. Da erlebt man angeborene Musikalität wie fast nirgends sonst. Ein Glanzlicht. Mit Rosina und Josef Lhévinne (456 889-2) ist man dann in mythische Urzeiten vorgedrungen (Lhévinne war Mitschüler von Skrjabin!). Ohne Vorbereitung, nur um ein Band zu füllen, spielten sie 1935 Debussys “Fêtes” in Ravels Fassung für zwei Klaviere. Wer das einmal gehört hat, wird heutige Duos noch langweiliger finden als ohnehin schon. Eine ganz späte Aufnahme von Chopins e-Moll-Konzert mit der achtzigjährigen Rosina ist von ergreifender Spiritualität.
Dann ein alter Bekannter der Lhévinnes: Rachmaninow (456 943-2) mit Chopins b-Moll-Sonate und mit allen Freiheiten: Im “Trauermarsch” geht’s nach dem Mittelteil gleich wieder ff los mit dem Kondukt. Ich glaube, das machten ihm viele gerne nach heute, wenn sie sich nur trauten. Ein exzentrischer, aber fabelhaft vielgesichtig porträtierender “Carnaval” ist auch noch dabei.
Eigentlich erschreckend, ich stelle fest, dass bis hierhin alle tot sind außer Alicia de Larrocha; arme Pianistin, unter so vielen Schatten. Jetzt ein paar Lebende. Einige sind derart gut im Sortiment präsent, konzertieren und werden oft in RONDO genannt, so dass diese CD-Porträts eher für eine Zukunft gemacht zu sein scheinen, die sie vergessen haben könnte. Aber wir wissen viel von ihnen und können daher die Herren Pollini (456 922-2), Perahia (456 937-2), Pletnjew (456 931-2) hier übergehen.
Alfred Brendel (456 727-2) aber nicht, denn sein Einstieg ist interpretationsgeschichtlich bedeutender als der der drei Ps. Ich vermute, die Programmwahl hat er selbst getroffen, dachte sich, seinen Schubert und Beethoven, den kennt jeder, aber dass er ein so glänzender Haydn-Spieler ist, das sollte bekannter sein - was es hoffentlich nun wird. Den großen Sonaten, darunter Haydns letzte in Es, werden alle Segnungen der immer klangintensiven, immer wachen Kunst Brendels zuteil. Im Beiheft ist er außerdem mit seiner Katze zu sehen, was mich endgültig für ihn einnimmt.
Vier Folgen fand ich problematisch. Stephen Kovacevichs (456 877-2) Beethoven hört sich angenehm an, aber er lässt die ungeheuerlichen, zarten, mysteriösen Momente fast immer vorbeiziehen. Etwa am Schluss des Andantes aus der Es-Dur-Sonate 31/3: Von den punktierten Achtel, einem verlöschenden Puls, kriegt Kovacevich nichts mit. Warum seine akkuraten Deutungen immer wieder so gefeiert werden, verstehe ich nicht.
Emil Gilels (456 793-2) ist einer meiner Lieblingspianisten, und er hat hier den schlechtesten Start erwischt. Wie der unpersönlichste Sowjet-Robot. Der Ravel, eine Mischung aus neuer Sachlichkeit und Dampfmaschine, ach nein, und in Beethovens Viertem Konzert bringt er auch bloß seinen herrlichen Ton zu Markte. Keine einzige der glühenden, wirklich epochalen Aufnahmen (Brahms-Konzerte, Liszt-Sonate, Beethoven-Sonaten und auch Schubert) ist dabei. Bei der Auswahl zu Julius Katchen (456 856-2) irritiert mich der wüste, donnernd-hysterische Charakter seiner frühen Aufnahmen. Islamey, Chopins As-Dur-Ballade, f-Moll-Fantasie. Nur Kampf und Subjektivität. Da Katchen ohnehin ziemlich vergessen ist, sollte man ihn mit seinem Bleibendsten porträtieren, seinem herrlichen späten Brahms. Danach musste er viel zu jung sterben.
Endlich Martha Argerich (456 700-2). Das Beiheft ist eine irrwitzige Lobeshymne, berechtigt gewiss, aber dann überkam mich beim Hören eine Mischung aus Frösteln und Langeweile, und ich sagte mir, das kann doch gar nicht sein, man denkt bei Bachs c-Moll Partita an alles mögliche, sogar an Sportwagen. Auch wenn mir das jetzt Morddrohungen einbringen wird: Für mich ist hier ganz leise ein Denkmal gestürzt. Aber dann hörte ich das d-Moll-Konzert von Rachmaninow - das spielt keiner besser. Und schon ist ihr wieder ein Denkmal errichtet, aber weiter hinten, nicht an der Hauptallee, da wo Horowitz, Backhaus und die anderen stehen.

Matthias Kornemann, 01.06.1998



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