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Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 61-80)

Geza Anda, Martha Argerich, Claudio Arrau, Jorge Bolet, György Cziffra, Edwin Fischer, François, Erick Friedman, Walter Gieseking, Emil Gilels, Leopold Godowsky, Janis, Wilhelm Kempff, Stephen Kovacevich, John Ogdon, Richter, Artur Rubinstein, András Schiff, Sofronitzky

(Alle Doppel-CDs erschienen bei Philips:
Rubinstein (456 958-2), Gilels (456 799-2), Richter (456 952-2), Sofronitzky (456 970-2), Gieseking (456 790-2), Arrau (456 712-2), Kempff (456 868-2), Godowsky (456 805-2), Fischer (456 766-2), Friedmann (456 784-2), Anda (456 772-2), Schiff (456 925-2), Cziffra (456 760-2), Argerich (456 703-2), Ogdon (456 916-2), Bolet (456 814-2), François (456 778-2), Kovacevich (456 880-2), Janis (456 850-2)

Von Arthur Rubinsteins (456 958-2) Klavierspiel ist in der Rezension der Rubinstein-Collection ausführlicher die Rede. Dass er solches Bemühen verdient, zeigt er hier in seinen Paradekonzerten von Grieg, Schumann und Saint-Saëns.
Wie innig der kraftgeladen-deutliche Emil Gilels (456 799-2) sich im lyrischen Ton einsingen konnte, belegen Auszüge aus Griegs „Lyrischen Stücken“, eine seiner schönsten Aufnahmen. Herrlich auch die in orchestrale Klangwelten geweitete Version der vierhändigen f-Moll-Fantasie Schuberts (mit Gilels’ Tochter Elena), die monumentalste Aufnahme dieses bedeutenden Schubert-Spätwerkes, die ich kenne. Die dritte Folge mit Swjatoslaw Richter (456 952-2) kommt mit der packendsten aller Interpretationen des zweiten Rachmaninow-Konzertes. Nicht minder zeitlos ist Richters Schumann (Fantasiestücke).
Zu dem bei uns weitgehend unbekannten Wladimir Sofronitzky (456 970-2) äußerten sich beide überschwänglich – Richter sagte zu Sofronitzky, er sei ein Gott, Gilels bemerkte nach dessen Tod 1961: „Der größte Pianist der Welt ist tot“. Können Aufnahmen solchem Vorschusslorbeer auch nur annähernd entsprechen? Ja, sie können. Diese Folge gehört für mich zu den elektrisierendsten der ganzen Edition, vor allem wegen Skrjabin (Sofronitzky war sein Schwiegersohn), dessen Werke von Sofronitzky in so dekadent verfeinerte, in allen Farben schillernde Flächen aufgespaltet werden, dass selbst ein Horowitz hätte neidisch werden können. Wahn und Vision Skrjabins erfühlte Sofronitzky geradezu hypnotisierend.
Um nach dieser koloristischen Allmacht nicht – ernüchtert – ungerecht mit anderen Pianisten zu sein, muss man schon Walter Gieseking II (456 790-2) anhören. Hier kommt die frühe Einspielung aller Debussy-Préludes von 1939, die trotz mäßiger Aufnahmequalität jede (jede!, liebe Michelangeli-Fans) Debussy-Interpretation des Jahrhunderts überragt. Und wer hat jemals Ravels „Ondine“ geschmeidiger durch die Fluten gleiten lassen?
Wie enorm nicht nur Claudio Arraus (456 712-2) Repertoire, sondern auch sein idiomatisches Spektrum war, belegen Chopin-Préludes in einer der reifsten, durchformtesten Deutungen, die es gibt, und Debussys „Images“, deren Klangraffinessen man beim oft spröden Arrau nicht unbedingt erwartet. Wilhelm Kempff (456 868-2) darf in seiner dritten Folge endlich sein Kernrepertoire beackern: Neben den Beethoven-Sonaten besticht vor allem eine Altersaufnahme der schönen, selten gespielten Schumann-Romanzen op. 28.
Leopold Godowsky (456 805-2) umgibt der Mythos, der unfehlbarste Techniker aller Zeiten zu sein. Seine Einspielungen ernüchtern dann ein wenig, weil diese Könnerschaft so trocken, so undämonisch wirkt – und wo immer man über Godowsky liest, steht dann, Aufnahmen gäben nur eine vage Ahnung seines wahren Vermögens wieder. Wie ernst es Godowsky mit der Kunst war, beweist eine kühl-analytische Version von Beethovens „Les-Adieux“-Sonate, wie man sie eher von Schnabel oder Solomon erwartet hätte. Man kann seine zügige Aufnahme des vierten Chopin-Scherzos nicht ohne Bewegung anhören, wenn man ihre Geschichte kennt: Während der Aufnahmesitzung erlitt Godowsky einen Schlaganfall, der seine Karriere beendete. Vielleicht ist es seine besondere Tragik, dass seine Schallplatten von den Nöten ihrer Entstehung so wenig verraten.
Ein ganz anderes Naturell, dessen Technik jeder Schreiber anzuzweifeln sich berufen fühlte, soll sich ebenfalls im Studio unwohl gefühlt haben: Edwin Fischer (456 766-2). Seine fiebrig-improvisatorisch hervorbrechende „Chromatische Fantasie“ Bachs dürfte Zweifel indes hinwegfegen. Auch Fischers Sicht auf Präludien und Fugen des „Wohltemperierten Klaviers“ ist zu Recht Legende, bei ihm vertragen sich Strenge und der Rest Romantizismus so undogmatisch.
Ignaz Friedmann (456 784-2) war mit Sicherheit glücklicher im Studio und wahrscheinlich auch außerhalb: Wann immer sie sich trafen, nahm er Rubinstein beim Pokern aus. Seine Chopin-Mazurken sind einzigartig in ihrer federnden Lebendigkeit, mit der er die Triebkraft des Mazurka-Rhythmus freisetzt. Atemberaubend schüttelt er Chopin-Etüden aus dem Handgelenk, da schwingt eine mondäne Lässigkeit mit, die auch über die Jahrzehnte und das Bandrauschen nichts von ihrer beglückenden Ausstrahlung eingebüßt hat.
Géza Andas (456 772-2) letzte Aufnahme, dreizehn Chopin-Walzer, ist daneben ein beklemmend starres Exerzitium der Freudlosigkeit, das als Schlusswort das Lebenswerk eines überaus kultivierten Musikers fast in Frage stellt, der Brahms’ zweites Konzert „durchfreuen“ und -lichten konnte wie kein anderer, der mit Raubtier-Geschmeidigkeit den Bartók-Konzerten konzertanten Glanz verlieh und zugleich ihrer rohe Wildheit domestizierte.
Nicht noble Politur, sondern pomadige Behutsamkeit prägt András Schiffs (456 925-2) Spiel. Es ist alles ganz angenehm. Schiff wird von jedem Rezensenten gelobt, weil der nicht das Feuer hat, mutig einmal eine tadelnswerte Kantigkeit zu zeigen. György Cziffra (456 760-2) zu schelten brachte dagegen nicht nur Joachim Kaiser in Mode. Selbst Peter Cossés Beiheft-Text entschuldigt den Interpreten quasi für dessen Chopin-Etüden, die auf ein fast absurdes pyrotechnisches Spektakel hinausliefen. Gewiss ist dies hier ein extremer Erkundungsgang manueller Grenzsituationen, doch finde ich nicht, dass dies auf Kosten der Musik geht, denn die Wildheit, die Cziffra den Etüden enthört, ist ein unbändiges Zeugnis ehrlichen Ausdruckswillens.
Martha Argerich (456 703-2) ist eine durch ihr außergewöhnliches Können Gefährdete. Allzu große Mühelosigkeit hat sie manchmal leichtfertig an den Abgründen entlang eilen lassen. Doch bei ihren Chopin-Préludes, bei der Liszt-Sonate, da hält sie die höchste Balance. Das sind Höhepunkte der Klaviergeschichte.
John Ogdons (456 916-2) zweite Folge ist nicht durchgehend (Rachmaninow) aufregend, aber der Vergleich mit Cziffra ist interessant. Hier ungarischer Überdruck, dort der bedächtige Architekt, der – ebenfalls mit Technik gesegnet – ein wohlproportioniertes Liszt-Gebäude errichtet.
Liszt ist auch der Komponist, dem Jorge Bolet (456 814-2) seine späte Karriere verdankte. Die Studio-Gebremstheit seiner späten Liszt-Aufnahmen sticht günstig ab gegen seine allzu vehementen Chopin-Attacken. Beim alten Bolet wird man – etwa in sehr verhangen beginnenden „Funerailles“ – daran erinnert, dass sein Lehrer, der berühmte Emil von Sauer, auch kein Brachialpianist war, sondern einer der behutsamsten, elegantesten Liszt-Schüler.
Ein in Deutschland nahezu unbekannter, in Frankreich hochverehrter Pianist war Samson François (456 778-2). Ein überaus exzentrisches Leben hat er geführt – entfesselt, provozierend und selten langweilig klingt sein Spiel. Besonders eindrucksvoll sind Debussys den Freuden entgegentaumelnde „Isle joyeuse“ und ein „Scarbo“ (Ravel), der in seinem knochentrockenen wütenden Trommeln von einem dämonisch-aggressiven Temperament zeugt.
Wer meint, Stephen Kovacevich (456 880-2) müsse unbedingt mit einer zweiten Folge vertreten sein, der höre einmal die Brahms-Intermezzi op. 119 und vergleiche mit Julius Katchen. Die zweite Folge von Byron Janis (456 850-2) dagegen ist ein Vergnügen, denn wie er den Solopart des erste Rachmaninow-Konzerts über dem üppigem Orchesterteppich windhundgleich dahinrasen lässt, das muss man schon bestaunen.

Matthias Kornemann, 01.05.1999



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