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Diverse

Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 81-90)

Daniel Barenboim, Alfred Brendel, Casadesus, Shura Cherkassky, Alfred Cortot, Christoph Eschenbach, Edwin Fischer, Andrei Gavrilov, Anton Ginsburg, Myra Hess

(Alle Doppel-CDs erschienen bei Philips:
Cortot (456 754-2), Casadesus (456 739-2), Fischer (456 769-2), Hess (456 832-2), Cherkassky (456 745-2), Ginsburg (456 802-2), Brendel (456 733-2), Barenboim (456 721-2), Eschenbach (456 763-2), Gawrilow (456 787-2)

Die zweite Cortot-Folge (456 754-2) enthält sein Bestes. Die fiebrige Spontaneität dieses Chopin-Spiels lässt verstehen, warum der kleine, immer etwas bleich und gespensterhaft aussehende Mann gerade unter Pianisten immer noch so verehrt wird. Cortots Préludes scheinen noch nachzubeben von den Erschütterungen, die ihr Schöpfer durchlebte, als er diesen Katalog emotionaler Schlaglichter schuf. Aufnahmen für die Ewigkeit.
Robert Casadesus (456 739-2) war ein kühleres, beherrschteres Naturell. Nur wenige Pianisten dieses Jahrhunderts konnten ihre Interpretationen so glasklar und klug aufbauen, ohne ihnen aber zulangende Spielfreude vorzuenthalten. Das ist sehr schön in Beethovens früher A-Dur-Sonate zu hören. Wie unzerstörerisch, ja zart-liebevoll sich seine pianistische Energie artikulkieren konnte, beweisen Faurés Dolly-Suite und einige seiner Nocturnes. Dass Casadesus’ "unfranzösisch" zupackenden, kristallinen Ravel- und Debussy-Aufnahmen mit keinem Solowerk vertreten sind, ist allerdings ein großes Manko dieser Folge.
Edwin Fischer (456 769-2) spielte mit Furtwängler 1951 das Es-Dur-Konzert von Beethoven ein und es wurde eine jener Sternstunden der Plattengeschichte, die in jede Sammlung gehört. Einem der Augenblicke, in denen Fischer im Tonstudio alle hemmende Scheu überwand, wohnt man in Beethovens Sonate op. 110 bei, deren Ende er zu einem grenzenlosen Freudenrausch steigert. Dem befreienden Aufschwung dieser Apotheose kann sich der Hörer nicht entziehen.
Myra Hess (456 832-2) hatte etwas Priesterinnenhaftes, wenn sie die späten Beethoven-Sonaten in E und As zelebrierte. Das Arioso-Klagen in op. 110, die gewaltigen Akkordsäulen, die zur Kehrfuge leiten, oder das rührend schlichte Variationsthema in op. 109, das sind geradezu spirituelle Hörererfahrungen. Doch Beethovens rauschhaften Wendungen zu Trillerglück und Schlusserlösung in beiden Sonaten traut sie nicht. Sie spielt das sehr reserviert; es gibt keinen Ausweg aus der Innerlichkeitsenklave. Den "Sinfonischen Etüden" Schumanns tut diese weihevolle Abgedämpftheit nicht gut.
Da lohnt es sich, Shura Cherkassky (456 745-2)zum Vergleich zu hören. Seiner ungemein straffen, gradlinigen Aufnahme der "Sinfonischen Etüden" von 1975 kann man kaum jene Launenhaftigkeit unterstellen, die man Cherkassky gern nachsagt. Sein Tschaikowsky-Konzert b-Moll ist eine meiner Lieblingsaufnahmen. Ist da nicht ein Hauch parlierender Ironie in Cherkasskys verspieltem, leichtgewichtigem Entwurf, wenn er dem Konzert den gewohnten Bombast und Oktavdonner verweigert?
Grigory Ginsburg (456 802-2) ging es wie dem großen Sofronitzky. Im Westen konnte man den schon 1961 Gestorbenen nicht mehr hören. Ein Mann, der auf einem grauenvoll verstimmten Instrument wie in dieser Aufnahme eine derart gigantische Interpretation der G-Dur-Sonate Tschaikowskys verwirklicht, wäre selbst einem Richter zum Konkurrenten geworden. Es ist ein Wunder der Einfühlung, wie es ihm hier gelingt, auch das hohl Scheinende, Auftrumpfende dieser Musik mit echter Empfindung zu erfüllen und sich dann aus dem prunkenden Virtuosentum mit raschem Beleuchtungswechsel in ein verträumtes Monologisieren zurückzuziehen.
Alfred Brendel (456 733-2) hatte Liszts "Totentanz" schon zu einer Zeit im Repertoire, als man von Liszt-Renaissance noch nicht sprach, und er spielt dieses wilde Stück mit beängstigend schroffer Endgültigkeit. Man versteht, warum dies der Liszt war, der Bartók besonders interessierte.
Vor langer Zeit lebte einmal ein Pianist, Daniel Barenboim (456 721-2), der begnadet Mozart und Beethoven spielen konnte. Während uns die Edition ärgerlicherweise keine einzige Beethoven-Sonate bringt, kann man ihn mit Mozarts großem C-Dur-Konzert KV 503 erleben, dessen abweisende Räume kaum ein Pianist so warm, anmutig und krampflos auszufüllen vermochte wie Barenboim. Und das ist bei diesem sprödesten aller Mozart-Konzerte schwerer als man denkt.
Christoph Eschenbach (456 763-2) wird sich kaum wohl fühlen in der Gesellschaft einiger Unsterblicher. Er wird wissen, dass er hier nicht hingehört, und es ist nicht seine Schuld, dass die Herausgeber der Edition ihn hier unbedacht einer Konkurrenz aussetzten, die ihm zwangsläufig bloß Häme einbringt. Welche Spuren er in der Musikwelt hinterlassen hat, das kann man unter diesem fatalen Vorzeichen der "Jahrhundertpianistik" kaum ruhig abwägen. Doch wäre es vermessen zu schreiben, es sei kaum wert, diesen Spuren nachzugehen.
Andrej Gawrilow (456 787-2) gehörte sicher zu den großen pianistischen Begabungen unseres Jahrhunderts. Doch nur ganz selten ist es ihm gelungen, dieses Talent zu bändigen. Im zerflatternden "Volando" der vierten Skrjabin-Sonate wächst die Erregung so rasch, dass ihm seine Deutung geradezu explodiert – so oft laufen ihm seine Finger davon und zerfetzen alles. Ein autodestruktiver Drang macht Gawrilow auch auf dem Podium zu einem gefährdet Unsteten.

Matthias Kornemann, 01.06.1999



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