Suchte man nach einem Stück Musik, das alle Klischees von Spanien umfasste, so entspräche wohl nur ein einziges diesem Anspruch: In Georges Bizets "Carmen" gibt es Flamenco, flirrende Hitze, Stierkämpfer, Zigeuner, tiefe Leidenschaften, viel heißes und am Ende auch reichlich (er)kalt(et)es Blut. Dabei war Bizet nicht nur kein Spanier, sondern hat überhaupt niemals spanischen Boden betreten. Trotzdem wirkt das Leben in Sevilla so, wie er es musikalisch beschreibt, auf uns weitaus authentischer als in anderen Opern, die am selben Ort spielen - etwa "Don Giovanni", "Figaros Hochzeit", "Der Barbier von Sevilla", "Fidelio" oder "Die Macht des Schicksals".
Und am Ende ist das Spanische hier ohnehin nur der Hintergrund, vor dem sich das blutige Drama um die Zigeunerin Carmen und den von ihr verführten Soldaten Don José abspielt. Ein idealer Hintergrund ist das allerdings: Was gäbe schließlich eine passendere Basis für die Konflikte zwischen Freiheit und Bindung, Männlichkeit und Weiblichkeit, Gefühl und Verstand ab als die Aura der Stierkämpfer, die hier immer wieder dargestellt oder doch zumindest angerissen wird?
Unerreicht bei der Ausleuchtung dieses vielschichtigen Spannungsfeldes ist für mich immer noch die glutvolle und dennoch sehr präzise Einspielung unter dem englischen Dirigenten Thomas Beecham - und das, obwohl ihr die Fassung des Stücks mit den stilistisch fragwürdigen Rezitativ-Ergänzungen durch den Bizet-Schüler Ernest Guiraud zugrunde liegt (heute gibt man ausschließlich die "Carmen"-Version mit gesprochenen Dialogen). Und Victoria de los Angeles ist zwar eher Dame denn Femme fatale, aber ihre Darstellung hat Rasse und Klasse, und ist - was selten und schon deshalb ein enormes Verdienst ist - sehr genau, dazu fein, farbig und von sehr glaubwürdigem Temperament.

Susanne Benda, 01.12.1999



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