Auf dem Höhepunkt des knallig aufgedrehten "Marche Hongroise" steht der Mann mit den Becken da in der Londoner Royal Albert Hall - fast so wie in Hitchcocks Showdown in "Der Mann, der zuviel wusste", als nur ein Becken-Schlag und ein gellender Schrei von Doris Day zwischen Leben und Tod entschied. Über dreißig Jahre später stand an gleicher Stelle aber nicht Bernard Herrmann am Pult in dieser überdimensionierten Konzerthallen-Arena. Auf seiner letzten Tournee mit dem Chicago Symphony Orchestra dirigierte Georg Solti mit Hector Berlioz' Opern-Oratorium "La damnation de Faust" ein Werk, das genau in den spektakulären Rahmen der Londoner Proms-Konzerte passte. Riesige Chorsätze, nationalistisch-pfeffrige Gebrauchsmusik und ein Sänger-Quartett, das sich zwischen Herzklopfen und Höllenflackern auf Spitzenniveau zeigt - das lässt auch 17 Jahre nach Aufzeichnung des Konzerts kaum Wünsche offen.
Allein einem Georg Solti bei der Arbeit zuzuschauen ist genauso ein Erlebnis wie sein Gespür für auf Hochglanz polierte Pointen, nie zerfasernde Sentimentalitäten und besonders für die Klangfarbenräume. Allein für den fein gestrickten und rhythmisch elastischen "Tanz der Sylphen" lohnt sich die Anschaffung. Weitere Argumente liefern Keith Lewis als Faust und Anne Sofie von Otter als Marguerite, die in Idiomatik, Wohlklang und musikdramatischer Anteilnahme der gemeinsamen Studioaufnahme mit Myung-Whun Chung in nichts nachstehen. Und José van Dam ist ein stimmgewaltiger Teufelskerl, der mit Solti selbst einem Floh gehörig Beine macht.

Guido Fischer, 25.02.2006



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