Johannes Brahms

Violinkonzert D-Dur op. 77

Frank Peter Zimmermann, Berliner Philharmoniker, Wolfgang Sawallisch

EMI 5 55426 2
(1995) DDD, Live-Aufnahme



Johannes Brahms

Violinkonzert D-Dur op. 77

Gidon Kremer, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Eastwest 0630 13137-2
(1996) DDD



Johannes Brahms

Violinkonzert D-Dur op. 77

Viktoria Mullova, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

Philips 438 998-2
(1992) Live-Aufnahme, DDD



1852/53 lernte der junge Brahms als Klavierpartner des ungarischen Violinvirtuosen Eduard Reményi durch dessen “fantastischen Vortrag heimatlicher Tänze” auch jene ungarische Musikmundart kennen, die sich fortan durch viele seiner Werke zog. Beim Violinkonzert sind die ungarisch gefärbten Motive auch eine Reverenz an den Geiger und Freund Joseph Joachim, den Brahms von den ersten Skizzen an wegen violintechnischer Fragen zu Rate zog.
Für die Zeitgenossen unterschied sich das Konzert so sehr von den üblichen, dass ein Kritiker nach der Uraufführung schrieb, es sei kein Konzert, sondern “eine Sinfonie mit obligater Geige”. Der Geiger Pablo de Sarasate soll zum Adagio gesagt haben, er denke nicht daran, mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie die Oboe die einzige Melodie des Stückes blase. Das Konzert gleicht einem guten Schauspiel: der Part des “Titelhelden” und die ihn umgebende Geschichte bedingen einander.
Frank-Peter Zimmermann und Wolfgang Sawallisch schreiben - so unscharf der Begriff auch sein mag - eine “deutsche Interpretationshaltung” am entschiedensten fort, ohne dabei einfach am alten Zopf weiterzustricken. Zimmermann ist für mich - nicht nur bei Brahms - der Geiger seiner Generation, der zuerst Musiker, Gestalter und Erzähler ist; erst danach wird bewusst, welch geigerisches Potential Musik wie aus sich selbst heraus zum Sprechen bringt.
Bei Gidon Kremer und Nikolaus Harnoncourt lässt die Wechselwirkung zwischen Orchester- und Solopart den Atem anhalten. Auskomponierte Impulse und Anstöße werden als solche wirksam. Das Concertgebouw-Orchester folgt Harnoncourt mit kammermusikalischer Spontaneität und Durchhörbarkeit. Kremer spielt die praktisch nie zu hörende Kadenz von Enescu.
Am deutlichsten beansprucht die Violine die Hauptrolle in der Aufnahme von Viktoria Mullova, ohne dadurch unangemessene Schlagseite zu erzeugen - Claudio Abbado und die Berliner Philharmoniker sind einfach zu starke Partner. Die Mullova hat mit dieser Aufnahme eine Souveränität und Spontaneität erreicht, die man früher vergeblich bei ihr suchte.

Wolfgang Wendel




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