Bislang musste man auf die fast vier bzw. fünf Jahrzehnte alten Londoner Aufnahmen von Colin Davis und Thomas Beecham zurückgreifen, um Berlioz' Requiem in kongenialen, aufwühlenden Einspielungen erleben zu können (siehe CD-Führer). Nun tritt ihnen mit Roger Norringtons Stuttgarter Präsentation eine neue Referenz an die Seite. Sie ist für empfindsame bzw. labile Hörer im besten Sinne des Wortes mit Vorsicht zu genießen, denn Norrington bringt Berlioz' Extreme in physisch und psychisch geradezu beängstigender Weise zu Gehör (wobei die Leistung der SWR-Toningenieure nicht verschwiegen werden darf).
"Bebende Angst" heißt auch die zentrale interpretatorische Vorgabe, unter der Norrington diese exzentrischste Totenmesse der modernen europäischen Musikgeschichte ausleuchtet. Bekanntlich ging es Berlioz - trotz des äußeren Anlasses im Dezember 1837 Kriegsgefallenen im Pariser Invalidendom zu gedenken - nicht um eine musikalische Versinnbildlichung des liturgischen Textes, sondern um dessen Indienstnahme für künstlerisch-psychologische Ausdrucksbereiche in bislang nicht gekannten extremen Ausmaßen. Norrington bringt diese ganz unmittelbar zu Gehör. Der schnörkellose, auf klarste Linienführung bedachte "stuttgart sound", den der Engländer seinem schwäbischen RSO seit einigen Jahren einimpft, scheint wie geschaffen für den französischen Klangexperimentator und dessen Skurrilitäten.
Im Kyrie wie überhaupt in allen Pianissimo-Passagen ist das Zittern des Individuums und seines kleinen "Ichs" vor dem Grauen der Apokalypse geradezu mit Händen zu greifen, zumal Norrington im Tempo stetig vorwärts drängt und so gewissermaßen die Angst latent schweben lässt. (Wie "skurril" Berlioz diese Angst der Einzelseele vor dem unvorstellbaren Schrecken des Jüngsten Gerichts in Töne setzte, zeigt prototypisch der nackte, durch keine weiteren Instrumente überbrückte und deshalb umso grauenvollere Abgrund zwischen Flöte und Bassposaune im "Hostias" und "Agnus Dei".)
Und wo der katholisch-jüdische Rache-Gott sich dann wirklich zeigt, im "Dies irae" und im "Lacrymosa" etwa, da stürzen auf den Hörer nicht einfach nur diffuse Fortissimo-Unmassen herab; vielmehr muss dieser bei aller Erschütterung auch noch staunen über Norringtons grandios aufgefächerte und gleichzeitig klar fokussierte Schlag- und Klangpracht. Nicht erst hier ist den beiden fabelhaften, gleichermaßen empfindsam-schlank wie machtvoll intonierenden Rundfunkchören aus Stuttgart und Leipzig höchster Respekt zu zollen. Da auch noch Toby Spencer sein Sanctus-Solo ohne Höhenkampf und dennoch mit der nötigen Emphase bestreitet, steht einem Berlioz-Genuss auf höchstem Norrington'schen Level nichts im Weg.

Christoph Braun, 07.07.2006



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