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Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15

Claudio Arrau, Philharmonia Orchestra, Carlo Maria Giulini

EMI 7 69177 2
(1960) ADD

Brahms hat sich schwer getan mit dieser "Konzert-Sinfonie", über drei Jahre lang. Der glühend verehrte Beethoven warf einen langen Schatten über das Werk, das tatsächlich als Sinfonie Nr. 1 konzipiert war, in vier (statt jetzt drei) Sätzen. Damals war Brahms einundzwanzig Jahre alt und fühlte sich noch nicht firm im Orchestersatz - so jedenfalls wollte er dem Geiste des verstorbenen Meisters nicht begegnen. Also verarbeitete er das Material in einer Sonate für zwei Klaviere, was er dann aber doch als "allzu bescheiden" empfand. Er ließ das depressive Scherzo der Sonate weg, ersetzte das ursprüngliche Finale durch ein Rondo - und endlich auf der Welt war das Schmerzenskind, dessen dunkles Pathos (im Sinne von: Leiden) gewiss auch über den Selbstmordversuch (1854) des geliebten Robert Schumann klagt, über dessen Verdämmern und Tod in der Nervenklinik zu Endenich.
Der sinfonische Ansatz war neu, denn nach Beethoven geriet die Gattung Klavierkonzert in die Hände romantischer Reisevirtuosen, die vor dem Hintergrund einer gefälligen Orchesterbegleitung ihre Künste spielen ließen (Ausnahmen natürlich: Liszt und Schumann). Es gibt einige sehr gute Versionen dieser Klavier-Sinfonie, etwa von Rudolf Serkin und Fritz Reiner oder nochmal Serkin und George Szell. Aber die dramatische Gewalt und schier endlose Verlorenheit, diese "Tragik" im Sinne der antiken griechischen Dichter, als "Unausweichlichkeit des Schicksals", wurde nie so überzeugend getroffen wie in Claudio Arraus Aufnahme von 1960, die allerdings ein wenig dumpf klingt.
Arrau hat die Tiefe und Schwere, aber auch die (vorüberziehende) Leichtigkeit der Gedanken später, mit Haitink, nicht mehr so getroffen wie mit Giulini. Drei wie füreinander geschaffen: der junge Brahms, der damals siebenundfünfzigjährige Arrau, der sechsundvierzigjährige Giulini. Und, nur ein Detail: Kein anderer Pianist auf Tonträger hatte die schwierigen Nachschläge am Ende der Oktavtriller so scheinbar leicht und präzise bei der Hand; und bei keinem wirken sie zugleich so ausdrucksvoll: Ausdruck auch durch Präzision.

Thomas Rübenacker, 01.12.1999



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