Im Dreierkonflikt zwischen dem bösartig-verstockten, vereinsamten Seemann Peter Grimes, den bornierten Einwohnern seines Küstendorfes, die keinen Außenseiter dulden, sowie der bedrohlichen See, mit der beide Parteien kämpfen müssen, kommt dem Orchester in Brittens erster und erfolgreichster Oper eine im wahrsten Sinne grundlegende Bedeutung zu: Ständig glaubt man, aus ihm heraus die drohenden Natur- und Schicksalsgewalten raunen zu hören. Und da zeigt sich Richard Hickox mit seiner Londoner Sinfonia als ungemein farbenfroher, agiler Klangzauberer und Dramaturg.
Philip Langridge trifft mit seinem lyrischen und nuancenreichen (allerdings nicht immer durchsetzungsfähigen) Tenor weniger das Bild des brutalen Seemann-Scheusals, wie es die zugrundeliegende Novelle George Crabbes zeichnet, als vielmehr den von Montagu Slater und Britten entworfenen, eher Mitleid denn Abscheu provozierenden Außenseiter - hierin Peter Pears nachfolgend, Brittens ehemaligem Lebensgefährten und Ahnherren der Rolle in der von Britten 1958 eingespielten Decca-Aufnahme. Gezeichnet wird ein tragischer Titelheld, der, in die Todesfälle seiner Lehrjungen verstrickt, wie ein verletztes Tier sich immer mehr abkapselt, verbiestert, gleichwohl träumend sich nach "warmem Heim" und Ehefrau sehnt.
Janice Watson verkörpert diese Auserwählte. Ihr geschmeidiges, natürliches Sopran-Timbre scheint wie geschaffen für die Rolle der Ellen Orford, der liebenden, sich (vergeblich) um den Einzelgänger kümmernden Witwe. Auch die Nebenrollen, allen voran Captain Balstrode und Friedensrichter Swallow (mit machtvollem Bass: Alan Opie und John Connell) lassen kaum Wünsche offen. Last but not least fesseln die von Britten meisterhaft, gleichsam volkstümlich wie artistisch in Szene gesetzten, von Hickox und dem Chor mitreißend gestalteten Massenszenen. Gerade hier kommt die brillante Aufnahmetechnik zum Tragen.

Christoph Braun, 01.12.1999



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