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Ralph Vaughan Williams

Sinfonie Nr. 5

Royal Philharmonic Orchestra, André Previn

Telarc/In-Akustik 80158
(1988) 1 CD, Komponiert: 1942/43, Uraufführung: 1943 in London; DDD

Ralph Vaughan Williams kannte den Krieg: Im Ersten lag er in den Schützengräben von Flandern, im Zweiten flogen dem eingefleischten Londoner Hitlers Bomben und Raketen um die Ohren. Er kannte den Krieg, deshalb wollte er seine Fünfte Sinfonie eine gegen den Krieg werden lassen - nicht im Namen der Anklage, sondern als Kontrapunkt der Schönheit, des inneren Friedens. (Die Sechste, unmittelbar nach Kriegsende komponiert, liefert dazu wiederum den Kontrapunkt: Sie handelt vom Krieg, von Ohnmacht und Grauen, von der Verzweiflung über das Menschengeschlecht.)
Der Komponist selbst sagte über die Wurzeln der Fünften, einen roten Faden von Genealogie durch die englische Musik webend: "Wir Schüler von (Sir Hubert) Parry haben von ihm, wenn wir klug genug waren, die große englische Chortradition gelernt, die Tallis an Byrd weitergegeben hat, Byrd an Gibbons, Gibbons an Purcell, Purcell an Batishill und Greene, und diese wiederum durch die Wesleys an Parry. Er reichte diese Fackel an uns weiter, und es ist unsere Pflicht, sie am Leuchten zu erhalten." Diese Chortradition schimmert in vielerlei Gestalt durch die vier Sätze der rein instrumentalen Sinfonie; hier spricht ein Menschenfreund und Idealist, aber er spricht nicht nur von der "besseren Welt". Schon der magische Beginn mit seinen sanften Hörnerrufen über dissonanten Bässen zeigt an, daß zwar von Schönheit die Rede sein werde, sie aber auch stets in Frage stehe - zum Beispiel in Kriegszeiten.
Diese Innenspannung selbst bei einem vermeintlich so heiteren Werk wie Vaughan Williams’ Fünfter versteht keiner besser als André Previn, der bereits in den Siebzigern den ganzen Zyklus von Sinfonien eingespielt hat, damals mit den Londoner Sinfonikern. Aber diese Zweitaufnahme der Fünften ist "wärmer", das gilt für die Interpretation wie für die Klangtechnik. Außerdem hat sie eine Ideal-Kopplung: wieder ein Blick zurück in die Vergangenheit, wieder eine Hommage an die englische Chortradition. In der "Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis" komponierte Vaughan Williams sozusagen den Konzertsaal zur Kathedrale um - er simuliert große Raumtiefe und langen Nachhall, indem er das Orchester in drei antiphonale Gruppen spaltet, ein Streichquartett, ein Kammerensemble sowie das mächtige Tutti, wiederum nur Streicher. Auch hier geht es um Schönheit. Und, vom Hörer aus betrachtet, Genie.

Thomas Rübenacker, 01.12.1999



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