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Peter Iljitsch Tschaikowski

Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 ("Pathétique")

New York Philharmonic, Leonard Bernstein

Deutsche Grammophon 431 046-2
(1986) 1 CD, Komponiert: 1893, Uraufführung: 1893 in St. Petersburg; DDD

Nicht umsonst trägt Tschaikowskis sechste Sinfonie (und seine letzte vollendete Komposition) den Beinamen “Pathétique”, also die “Leidende”. Aus ihr spricht, nein: schreit eine schier unglaubliche Qual. Dem Komponisten, der unter seinen homosexuellen Neigungen litt, wurde wahrscheinlich von der Leitung des Moskauer Konservatoriums (sowie anderen Sitten- und Kunstwächtern) nahegelegt, Selbstmord zu begehen, um damit einem Skandal wegen der Affäre mit einem Jüngling von Adel zu entgehen. Es war im Grunde ein Todesurteil, das die ehrenwerten Herren - und zum Teil Kollegen Tschaikowskis - über ihn fällten (wenn’s denn stimmt - alle zwei Jahre kommt eine neue “definitive” Darstellung dieses Todes heraus). Vermutlich trank er ein Glas verseuchten Flusswassers und starb an der Cholera so qualvoll, wie er gelebt hatte, nur neun Tage nach der von ihm selbst dirigierten Uraufführung der “Pathétique”.
Das Erstaunliche und für den Komponisten Neue ist der Schlusssatz, der nicht mehr - wie zuvor immer - großspurig über das Ende der Sinfonie triumphieren will, im Sinne “repräsentativen Schließens”. Diesmal geht es nur noch darum, aufhören zu müssen (und vielleicht nicht zu wollen): In zwei riesigen, von Fatalismus durchtränkten Steigerungswellen geht es unentrinnbar dem Ende entgegen.
Die kühnste Aufnahme dieses Finalsatzes - und der ganzen Sinfonie - stammt von Leonard Bernstein: Er reißt den Final-Schmerz so weit auf, dass die Musik beinahe zer-reißt, es dann aber doch nicht tut. Es klingt, als wolle Bernstein uns zurufen: “I am Tchaikovsky!” Das Wunder gelingt, die Transformation: Bernstein wird Tschaikowski, und wir hören mehr von dessen Wünschen, Ängsten, Qualen, Träumen als in jeder anderen mir bekannten Aufnahme ... Gewöhnungsbedürftig, vielleicht: mit über siebzehn Minuten Spieldauer erreicht dieses Finale den Langsamkeitsrekord. Als ich es einem befreundeten Musikkritiker vorspielte, lachte er zuerst, schüttelte den Kopf. Und wurde doch mählich immer tiefer in den Bann dieser Musik und dieser Aufnahme hineingezogen.

Thomas Rübenacker, 01.12.1999



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