Eine kurze, schöne Zeit war das. Als Opern noch live im Fernsehen übertragen wurden. Zur Prime-Time im Ersten oder Zweiten, nicht gegen Mitternacht in irgendeinem Nischensender für "Kulturinteressierte" (eine Spezies, die für Programmchefs heute eigentlich nicht mehr existiert). Die "Carmen" aus der Wiener Staatsoper ist ein frühes Zeugnis aus dieser gerade mal zehn Jahre währenden Ära. Man wusste noch nicht so genau, wo die Schmerzgrenze für eine Nahaufnahme liegt. Welche Einstellungen funktionieren und welche nicht. Und wie viel Schminke man braucht.
Aus dem vierten Rang sah Elena Obraztsova sicher phänomenal aus. Wer näher dran ist, in diesem Fall wir, verwechselt sie leicht mit einer Drag Queen (als Zarah Leander in "La Habanera") oder einer in die Jahre gekommenen halbseidenen Dame, die echt russisch mit der Bruststimme orgelt. Das Material ist beeindruckend, eine Carmen ist sie nicht. Zwischen ihr und dem kraftprotzenden Plácido Domingo fehlt’s an der Chemie. Franco Zeffirelli liefert eine üppige, ganz auf das malerische Gesamtbild angelegte Bilderbuch-Inszenierung. Garantiert interpretationsfrei, garantiert ohne Überraschungen. Was diese DVD zum Muss erhebt, ist Carlos Kleiber: Wer glaubt, "Carmen" genau zu kennen und nicht mehr hören zu können, wird erstaunt sein. Der Mann war eben genial.

Jochen Breiholz, 13.11.2004



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