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Camille Saint-Saëns

Der Karneval der Tiere (Le carnaval des animaux)

Martha Argerich, Nelson Freire, Gidon Kremer, Isabelle van Keulen, Tabea Zimmermann, Mischa Maisky, Georg Hörtnagel, Irena Grafenauer, Eduard Brunner, Markus Steckeler, Edith Salmen-Weber

Philips 416 841-2
(1985) Komponiert: 1886, Uraufführung: 1922 in Paris; DDD

Ausgerechnet sein heute populärstes Werk, "Der Karneval der Tiere", versteckte Camille Saint-Saëns sein Leben lang vor der Öffentlichkeit. Er hat es 1886 komponiert, der Anlass war ein Konzert im Freundeskreis. Saint-Saëns fürchtete, nicht ernst genommen zu werden, sollten die vierzehn Stückchen jemals an die Öffentlichkeit gelangen. Vielleicht hatte er aber auch einfach Angst vor der Rache verärgerter Zeitgenossen: Die "zoologische Fantasie" ist nämlich nicht nur eine humorvolle Darstellung verschiedener Tiere (mit Hühnergackern, Eselsgeschrei, Kuckucksrufen und vielem mehr), sondern auch eine Verulkung bekannter Melodien aus der Feder so mancher Musik-Heroen. So tanzen die schwerfälligen Schildkröten im vierten Satz zu einer majestätischen, extrem-langsamen Version von Jacques Offenbachs Cancan, und das Elefantenporträt (Nr. 5) basiert auf einer - böse verfremdeten - Melodie von Hector Berlioz.
Der aufmerksame Hörer stolpert beim Lesen der Titel auch über die "Pianisten" (Nr. 11) - eine "Tierart", die sich zu Saint-Saëns' Zeit (genau wie heute) sehr ernst nahm. Der Komponist stellt diese "Gattung" nicht gerade schmeichelhaft dar: Das ganze Stück ist ein einziges geistloses Etüdenexerzieren. Selbst ernst genommen hat der Komponist am "Karneval" nur die anmutige Kantilene des "Schwans" (Nr. 13). Dieses Stückchen führte schon vor der ersten öffentlichen Aufführung des ganzen "Karnevals" (1922) ein Eigenleben und wurde Grundlage des legendären sterbenden Schwans der Ballerina Anna Pawlowa.
Saint-Saëns' "Karneval" fristet heute sein Dasein vor allem bei Kinderkonzerten und wechselt sich dort mit Prokofjews "Peter und der Wolf" ab. Man kann das Werk aber auch als gut gemachte Kammermusik auffassen und sich über das satirische Amüsement hinaus von der hier waltenden kompositorischen Experimentierfreude faszinieren lassen. Genau das haben Martha Argerich, Gidon Kremer und die anderen Musiker dieser Aufnahme getan - und siehe da: alle Harmlosigkeit ist dahin. Saint-Saëns "Spiel" wird zur kabarettistischen Groteske, zur Verulkung des Musikbetriebs und zu einer geradezu avantgardistischen Betrachtung vorgefundenen musikalischen Materials: Wenn die Schildkröten im Zeitlupentempo zur Cancan-Melodie und geschärften Schostakowitsch-Akkorden tanzen, dann lassen Satie, Kagel und die Minimalisten grüßen.

Oliver Buslau, 01.12.1999



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