Maurice Ravel

Gaspard de la nuit

Ivo Pogorelich

DG 413 363-2
(1982) Komponiert: 1908, Uraufführung: 1909 in Paris



Maurice Ravel

Gaspard de la nuit

Robert Casadesus

Masterworks Heritage/Sony MH2K 63316
(1951) 2 CDs, Komponiert: 1908, Uraufführung: 1909 in Paris; ADD



"Gaspard de la nuit, Stücke für Klavier nach Aloysius Bertrand, sind drei romantische Gedichte von transzendentaler Virtuosität." In seiner üblichen Unlust, das eigene Werk zu kommentieren, untertrieb Ravel mit diesen dürren Sätzen. Bertrands Gedichtzyklus ist von jener schwarzen Morbidität, in der Ravels dekadenter literarischer Geschmack den begehrten Kitzel fand. Und in puncto pianistischer Schwierigkeit und tonmalerischer Fantasie drang Ravel 1908 in unentdecktes Land vor.
Die glitzernden, geschmeidigen Tonkaskaden im Bildnis der Nixe "Ondine", sie entwickeln und übertreffen die vielbewunderten Wasserkünste der "Jeux d'eau" (1901). "Le gibet", der Galgen, das langsame Mittelstück, beschwört eine grausige Szene: Eine sinkende Sonne bescheint die im Abendwind pendelnden Gebeine eines Gehenkten vor den Mauern einer mittelalterlichen Stadt, während in der Ferne die ganze Zeit über die Armesünderglocke läutet. Ravel erfaßte meisterlich jene makabren, verdüsterten Stimmungen, die einem Debussy wie überhaupt der französischen Schule nicht besonders lagen. Den pianistischen Höhepunkt bietet "Scarbo", das Porträt eines bösartigen Poltergeists, mit dem Ravel ein Werk schaffen wollte, das schwieriger war als Balakirews "Islamey", das damals als virtuoses Nonplusultra galt. Die Schwierigkeiten des "Gaspard" lockten die großen Virtuosen, und mehrere Aufnahmen von Gieseking und Michelangeli sind Denkmäler der Entwicklung des Klavierspiels.
Doch eine unglaubliche Aufnahme ragt selbst in diesem Kreis hervor. Ivo Pogorelich spielt den "Scarbo" nicht so rasend, wie es Gieseking oder die Argerich tun - Ravel wollte das auch gar nicht -, aber mit einer bohrenden, aggressiven Deutlichkeit. Ravels Kompositionen sind niemals klangflächig wie jene Debussys, sondern immer gleichsam metallisch ausgeformt, kantig. In diesem gratigen Satz entfesselt Pogorelich ein ungeheures Poltern und Toben. Dennoch bleibt sein Ton stets wunderbar füllig und wandelbar. Eine unfassliche pianistische Leistung. Diese Balance zwischen dem harten, glänzenden Einzelakkord und dem Aufspannen eines Klanghintergrundes, der Farben gleichsam sehen lässt, ist im "Galgen" fast noch erstaunlicher.
Robert Casadesus hat Ravel den "Gaspard" vorgespielt, und der bat ihn dann gleich, mit ihm auf Tournee zu gehen. Auch wenn diese "Beglaubigung" allein noch keine gute Aufnahme macht, ist Casadesus' "Gaspard" mit seiner kühlen, ebenmäßigen "Ondine" (so, ohne Ritardandi, wollte es Ravel), und einem "Scarbo", der womöglich noch wütender daherkommt als bei Pogorelich, eine echte Alternative.

Matthias Kornemann




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