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Sergei Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30

Martha Argerich, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Riccardo Chailly

Philips 446 673-2
(1982) Komponiert: 1908, Uraufführung: 1909 in New York

“Unspielbar”, “Elefantenkonzert”, das “am meisten gefürchtete” - und so weiter. Rachmaninows d-Moll-Konzert ist Rekordhalter ehrfürchtiger Attribute. Dabei ist die Gangart, mit der das schwere Werk beginnt, für ein Elefantenkonzert recht leichtfüßig. Der erste Satz hat gar nicht die etwas theatralische Auftrittsgeste der ersten beiden Klavierkonzerte Rachmaninows. Er singt sich ganz schlicht ein mit seinem russischen Lied und bettet es dann sacht in die immer kompliziertere Geschichte. Das muss noch Bartók gut gefallen haben, denn der Beginn seines Dritten Klavierkonzertes wirkt wie ein ferner Gruß.
Rachmaninow hat das Konzert für sich selbst geschrieben. Es ist immer wieder überraschend, wie bedächtig und durchhörbar er seine eigenen Kompositionen spielt, so gar nicht überwältigend und donnernd. Seltsamerweise orientiert sich fast kein Interpret daran. Auch Martha Argerich ist schneller, aggressiver, aber sie realisiert den Klavierpart mit einer Transparenz, bei der wahrscheinlich selbst Rachmaninow blass geworden wäre. Schon der Liedbeginn, frisch wie ein Herbstmorgen, erst recht die ersten virtuosen Gehversuche, deren gestochen scharfe Skalen bei Argerich regelrecht toccatenhaft wirken - sie zeigen, dass die Interpretin weit mehr will, als nur fehlerfrei durchkommen. In schwächeren Aufführungen klingt das, als würde ein fettiger Teig geknetet.
Die Berliner aber, die im Dezember 1982 diese Aufführung besuchten, erlebten eine Sensation: die Raubtiervitalität der Argerich ist ein Naturereignis. Ihr Wille, eine Leuchtspur durch den Wald der vielen, vielen Noten zu ziehen, hebt diesen Konzertmitschnitt weit aus der Masse recht ähnlicher Bewältigungsdeutungen heraus. Martha Argerich gibt sich angriffslustig und widerborstig, stürzt sich wütend auf Synkopisches wie den ersten Kommentar des Klaviers zum zweiten Thema. In jedem Takt scheint sie zu prüfen, wie man dem Orchester mit einer trotzigen rhythmischen Pointe eins auswischen kann. Der Hörer erfährt die ganze Kraft und Frische des Soloparts, vergisst die abgelebte Müdigkeit, mit der manche Routiniers sich hier durchwühlen.
Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken hängt Martha Argerich alle lebenden Konkurrenten ab. Die Kadenz im ersten Satz mit ihren explodierenden Akkordfolgen ist schon der reinste pianistische Kriegsschauplatz, und das Finale konnte so nur noch der junge Horowitz spielen. Die Argerich ist hier nicht bloß sportiv, sie gewinnt der Musik eine schlanke, stählerne Grazie ab. Das Werk klingt nicht mehr massig, sondern mitreißend entmaterialisiert.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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