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Antonín Dvořák

Klavierquintett A-Dur op. 81

Swjatoslaw Richter, Borodin Quartet

Philips 412 429-2
(1982) Live-Aufnahme, Komponiert: 1887, Uraufführung: 1888 in Prag

Eigentlich ist die Behauptung Unsinn, nur ein Slawe könne slawische Musik spielen, nur ein Spanier die Glut der spanischen Musik entfachen. Hier indes könnte man eine Ausnahme machen, so konkurrenzlos überragend bewältigen Swjatoslaw Richter und das Borodin-Quartett dieses wunderbare A-Dur-Quintett. Ein besonderer Reiz vieler Werke Dvoráks liegt sicher darin, dass sie uns ganz sanft fortlocken aus der sicheren Behausung deutscher Musik, wo Brahms und Schumann sitzen. Zuerst wirkt alles ganz gewohnt, aber dann sind da eigentümlich gefärbte Harmonien, die vertraute Gegend verwandelt sich. Und wir finden uns unvermittelt in einer melancholischen Landschaft, die fremd, östlicher klingt.
Vor der Komposition dieses Werks lag, man mag es kaum glauben, eine Zeit der Erschöpfung. Dvorák ging die Kraft aus. So revidierte er in den Jahren 1886/87 überwiegend ältere Werke, die ihm wider Erwarten gut gefielen, darunter ein frühes A-Dur-Klavierquintett. Und da bekam er wieder Lust zu komponieren. Um diese Zeit auch begann er sich wieder für die Form der Dumka zu interessieren, einer ursprünglich ukrainischen, sehr melancholischen Liedform. Im Dumky-Trio dann entwarf er sechs herrliche, unbedingt hörenswerte Sätze aus diesem eigentümlichen Muster.
Diese Hinwendung zu slawischen Formen, zu dem Idiom, das man heute für typisch Dvorák hält, hat sich langsam entwickelt. Dvorák ist nicht mit den "slawischen Tänzen" auf die Welt gekommen. Und diese Entwicklung hat durchaus auch einen politischen Hintergrund. Im Vielvölkerstaat Österreich brodelte es, in Wien kam seit Mitte der achtziger Jahre eine antitschechische Stimmung auf. Als Gegenbewegung wuchs auch der Nationalismus in Prag. Die Entfaltung nationaler musikalischer Schulen hängt damit eng zusammen. Sie war immer auch der Versuch, sich der Vormacht deutscher Kulturformen zu entziehen. Bei Dvorák reicht das bis zu äußerlichen Kleinigkeiten. So verlangte er zweisprachige Beschriftung seiner Partituren: "Besten Dank für die mir gesandten Exemplare des Quintetts; was mich aber besonders beruhigt, ist, dass auch auf der inwendigen Seite der böhmische Titel angebracht ist", schrieb er an seinen Verleger Simrock.
Und weit über solche Äußerlichkeiten hinaus hat die Entfaltung des tschechischen Tons seine Werke hinausgesogen aus der internationalisierten deutschen Spätromantik. Das gilt besonders für seine Opern und seine Sinfonik. Doch auch bei den hinreißenden melodischen Einfällen im Quintett, wie dem traurig ins Bodenlose abfallenden zweiten Thema im Kopfsatz, ist Dvorák in einer Klangwelt angelangt, in der sich die Slawen besser zurechtfinden. Wie Richter und die Borodins. Anders lässt sich das Wunder dieses Konzert-Mitschnitts nicht erklären, der sich, wehmütig und gewichtig, so gar nicht um böhmakelnden Schwung bemüht. Ernst und unendlich schön ist diese Aufnahme.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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