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Antonín Dvořák

Violinkonzert a-Moll op. 53

Midori, New York Philharmonic, Zubin Mehta

Sony SK 44 923
(1989) Live-Aufnahme, Komponiert: 1879-1882, Uraufführung: 14. Oktober 1883 in Prag

Für eine böhmische Musikantenseele, wie man sie Antonín Dvorák gerne nachsagt, muß die Aufgabe, ein Violinkonzert zu schreiben, von ganz besonderem Reiz gewesen sein. Immerhin hatte sich der Komponist hier in ein Instrument hineinzufinden, das auf ganz besondere Weise mit der Volksmusik verbunden ist. Das Konzert entstand auf Anraten des Verlegers Simrock, als Dvořák mit den “Slawischen Tänzen” gerade einen großen Erfolg errungen hatte. Dvorák, der in jungen Jahren selbst Geiger gewesen war, widmete das Stück dem Virtuosen Joseph Joachim, der freilich mehrere Änderungsvorschläge hatte. Der Komponist folgte geduldig und schrieb, er "habe das ganze Concert umgearbeitet, nicht einen einzigen Takt habe ich behalten."
Trotzdem hob ein anderer - Dvoráks Freund František Ondříček - das Werk aus der Taufe; Joachim rührte die fertige Partitur nicht an - man weiß nicht, warum. Diese Vernachlässigung des Widmungsträgers scheint bis heute nachzuwirken: Dvoráks Violinkonzert steht im Schatten seines Cellokonzertes, dabei ist es eines der bedeutendsten Werke der Gattung, die das 19. Jahrhundert zu bieten hat.
Midori zeigt in ihrer Aufnahme, warum das so ist: Pathos und Melancholie sind die Charaktere des ersten Satzes, in dem die Solovioline dick auftrumpfende Orchestermotive weiterführt und ins Lyrische verwandelt. Mitten im Formverlauf ereignet sich - ein außergewöhnlicher Vorgang - der Übergang zum langsamen Satz, wo das Geschehen in tiefe Ruhe versinkt. Midori gelingt dieser dramaturgische Kniff atemberaubend; mit unübertroffener Sensibilität stellt sie im zweiten Satz Dvoráks großartige melodische Eingebungen vor.
Das Finale schließlich verbindet Elemente der "Slawischen Tänze" mit konzertanten Prinzipien: Es ist ein waschechter Furiant, der sich hier im permanenten, halsbrecherisch schnellen Wechsel von Solo und Tutti weiter und weiter hinaufschraubt. Midori hält hier nicht nur bis an die Grenze des technisch Machbaren mit, sie beweist auch ein Temperament, das Joachim seinerzeit vielleicht gefehlt hat. Das Finale des Brahms-Violinkonzerts - von Joachim 1879 uraufgeführt - ist verglichen damit geradezu schwerblütig.

Oliver Buslau, 01.12.1999



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