Lange galt Gabriel Fauré hierzulande als oberflächlicher Schöngeist ohne Seelenzerklüftung, ohne Kampf um Formgesetze. Gottlob fehlten ihm solche teutonischen Attribute, denn sonst wäre dieses wunderbare Requiem nicht entstanden. Was der Meister des Anmutigen, wie ihn sein Landsmann Debussy treffend nannte, hier an melancholisch-schwebender Grazie, atmosphärischer Zartheit und Gelöstheit schuf, sucht (nicht nur) unter den Totenmessen seinesgleichen. Mit Ausnahme des kleinen Abschnitts im "Libera me" ignoriert dieses - wesentlich vom Chor getragene - Requiem das ansonsten übergewichtige, von Rache und Höllenqual schreiende "Dies irae"; statt dessen besingt Fauré immer wieder das ewigen Frieden und Erlösung verheißende "Dona eis requiem".
Bei soviel Entrücktheit liegt die Gefahr sentimentaler Süße nahe. Doch davor sind die empfohlenen Aufnahmen gefeit. Bewusst anti-süßlich kommt John Eliot Gardiners, von profunden Orgeltönen grundierte Einspielung daher. Selbst in diesem denkbar ruhigen Harmonienstrom sucht der englische Unruhestifter nach dramatischen Komponenten und dynamischen Kontrasten; die wenigen Forte-Stellen werden denn auch überaus ernst und gewichtig angegangen.
Trotz eines denkbar homogenen Monteverdi-Chores und anmutigen Knabenensembles aus Salisbury bei Gardiner kann man Philippe Herreweghes Einspielung den Vorzug geben, denn seine Chapelle Royale besitzt den samteneren, geschmeidigeren Ton. Herreweghes Tempi sind bedächtiger, sein Orchester flächiger. Auch gibt er - ebenfalls gegenüber Gardiner - den Frauenstimmen mehr Raum als den Kindern (die Fauré in alter katholischer Tradition einsetzte). In noch ruhigeren Zeitmaßen und großdimensioniertem Klanggewand kostet Colin Davis' sächsische Produktion Faurés Sphärenklänge aus. Die vornehme Stimm- und Orchesterkultur aus Leipzig und Dresden macht dabei einiges an Überdehnungen wett.
Schließlich gibt es noch die verflixte Fassungs-Frage: Gardiner und Herreweghe wählen die geigen- und holzbläserlose "echte" Originalfassung von 1893/4 (die allerdings nicht mit der solistisch besetzten Uraufführungs-Fassung von 1888 übereinstimmt). Demgegenüber hält sich Davis an die herkömmliche, von Faurés Verleger gewünschte, große sinfonische Fassung. Man muss den Fassungsstreit nicht zu ernst nehmen, denn schließlich glaubt man bei allen dreien am Schluss geradezu Engelszungen zu vernehmen, so entrückt werden die Toten - quasi mit einem Lächeln auf den Lippen, befreit von allen irdenen Beschwernissen - "in paradisum" geführt.

Christoph Braun




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