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Frédéric Chopin

Balladen, Prélude cis-Moll op. 45, Fantaisie f-Moll op. 49

Maurizio Pollini

Deutsche Grammophon 459 683-2
(48 Min., 4/1999) 1 CD

Maurizio Pollinis Kunst ist schwerer zu fassen, als es seine auf der Schallplatte oft frösteln machende Selbstbeherrschung annehmen lassen würde. Wenn man ihn an einem entfesselten Abend erlebt, gibt es kaum einen aufregenderen Pianisten. Seine neue Chopin-CD weicht vom Stil früherer Aufnahmen so wesentlich ab, dass ich ihn im Blindtest nicht erkannt hätte. Der Klavierton, weicher und gedämpfter, wirkt, als bevorzuge Pollini jetzt weniger hart intonierte Instrumente. Und während man bei Pollinis Chopin-Scherzi, 1990 aufgenommen, den eisernen Willen spürte, noch den letzten Motivsplitter glasklar-kantig herauszustellen, gibt er sich hier dem motorischen Sog der Balladen mit einer aufreizenden Lässigkeit, einer Lust am schönen Klang, aber auch mit einem Temperament hin, das an den besten Stellen an den feurig-eleganten Pollini seiner großen Abende erinnert.
Doch diese krampflose Verflüssigung hat ihren Preis: Wäre es früher vorstellbar gewesen, dass Pollini Akzente an den dramatischen Höhepunkten so beiläufig aus den Händen gleiten ließ wie die abstürzenden Trillerketten vor dem „Agitato“ der zweiten oder die Bässe am Schluss der vierten Ballade? In die schweren, gratigen Terzgänge auf der vorletzten Seite dieser f-Moll-Ballade stürzt er sich mit einem solchen Furor, dass Einzeltöne verschwimmen. Dass Pollini den kleinen Fehlgriff in der dritten Ballade (4.58) nicht retuschieren ließ, zeugt ebenso davon, wie ehrlich er an die Grenzen geht. Mag man auch Einzelnes dieser Balladen-Deutung anfechten, so ist diese Aufnahme doch erstaunlich lebendig, klangsensibel und sehr, sehr jugendlich geraten. Als wolle Pollini uns zeigen, dass er neuen Kurs gesetzt habe.

Matthias Kornemann, 31.05.1999



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