Die schwarz-weiße Schallplattenbox mit den Pin-Up-Fotos aus Urgroßmutters Zeiten und der schon fast legendären Analyse von Heinz Josef Herbort ist in der Operneinspielungsgeschichte so etwas wie ein Heiliger Gral. Denn als Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" 1968 endlich auch auf Vinyl erschien, konnte die Aufnahme zumindest innerhalb ihrer technisch-sinnlichen Möglichkeiten das Potenzial eines Musiktheaterwerkes vermitteln, das seit seiner Kölner Uraufführung am 15. Februar 1965 auf Anhieb auf große Resonanz stieß. Bis ins Jahr 1968 sorgten die "Die Soldaten" für ausverkaufte Vorstellungen. Und noch zu Zimmermanns Lebzeiten gab es zwei Neuinszenierungen in Kassel und München. Dabei hatte Zimmermann mit seiner Vertonung des gleichnamigen Dramas von Jakob Michael Reinhold Lenz dramaturgisches Neuland betreten. Als er mit Orchester, Solisten, Jazzcombo, Tänzern, Filmsequenzen und Tonbandzuspielungen auf eine Multimedialität setzte, die später Karlheinz Stockhausen in seiner Gesamtkunstwerk-Heptalogie "Licht" ausarbeiten sollte. Zwischen übergreller Schärfe und nebulöser Unschärfe verwischten hier Wahrnehmungsrelationen, die zugleich von Zimmermanns Verschachtelungen aus Serialität, Bachchorälen, Marschmusik und Jazz torpediert wurden. Diese Stil- und Szenenkombinatorik, die sich um das Einzelschicksal der von männlicher Gewalt und Eifersucht zerstörten Marie Wesener dreht, ist jedoch auch in der rein akustischen Fassung der "Soldaten" und eben der wieder veröffentlichten Weltersteinspielung allgegenwärtig.
Für die Aufnahme, die kurz nach der Premiere vom Uraufführungsteam um Dirigent Michael Gielen verantwortet wurde, hatte Zimmermann zwar noch einmal und vorsichtig Hand an die Partitur gelegt. Aber selbst diese Konzertversion besitzt alles, was den unvermindert attackierenden Reiz der "Soldaten" untermauert. Gielen bietet äußerste Straffheit im Rhythmischen, Spannungsbögen von ungeheurer Wucht und eine packende Plastizität in den Details. Und warum "Die Soldaten" in einem Atemzug mit Bergs "Wozzeck" genannt werden muss, lässt sich allein exemplarisch an Edith Gabry als Marie festmachen – die das Geschundene in jeder Pore und Faser stimmschön deklamierend und aufrüttelnd verkörpert. Im CD-Booklet blickt Heribert Henrich nicht nur informativ in die Entstehungsgeschichte der Aufnahme zurück. Auch der Essay von Heinz Josef Herbort durfte jetzt nicht fehlen.

Guido Fischer, 08.02.2008



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