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Wolfgang Amadeus Mozart

Die Klaviersonaten

Walter Gieseking

EMI 7 63688 2
(1953, 1954) 8 CDs, ADD, mono

Noch bis weit in unser Jahrhundert hinein galten Mozarts achtzehn Klaviersonaten nicht als Hauptwerke. Waren wenigstens einige seine Klavierkonzerte nie aus dem Repertoire verschwunden, gerieten die Sonaten schnell ins Abseits der Klavierstunden. Es ist sicherlich der monumentale Block der zweiunddreißig Beethoven-Sonaten, der die Vorstellung geprägt hat, was eine klassische Klaviersonate zu sein hat. Wie ein Schatten schoben sie sich vor Mozarts anmutigere Sonaten. Die haben nicht jene individuelle, erlebend-leidende Physiognomie, diesen biografischen Begleitzug von Beethovens Sonaten - das lag Mozart fern.
Noch ein weiterer Umstand mag zur Vernachlässigung beitragen. Während Mozarts Klavierkonzerte im wesentlichen aus der Wiener Zeit stammen (ab 1781) und damit auf einem künstlerischen Gipfelplateau zu Hause sind, stammen nur die letzten vier Sonaten aus Wien, die anderen aus der "Garküche" früherer Phasen, aus Mannheim, Paris und München. Der frühe und mittlere Mozart aber ist in keiner Gattung so kanonisiert und beliebt, wie man es erwarten würde.
Es ist gar nicht so lange her, dass ein Künstler sich den Sonaten in ihrer Gesamtheit zuwandte. In den frühen fünfziger Jahren unternahm Walter Gieseking seine Einspielung aller Solowerke Mozarts, und es entstanden Aufnahmen, deren Schönheit und Durchdringung für mich nichts ihresgleichen hat. Solch leichtes Perlen, so kristalline Verzierungen, solche singenden Pianostellen konnte nur Gieseking hervorzaubern.
Am erstaunlichsten ist die klangliche Kargheit dieses Spiels - all die Pianissimo-Farben, die Gieseking bei Ravel auftrug, fallen fort. Und doch sind diese Interpretationen nicht neusachlich trocken, sondern wahrhaft spirituell. Für mich gibt es eine Prüfstelle in den Sonaten: In der (wohl aus Zeitgründen) zusammengesetzten Sonate KV 533/494 steht ein Andante, das zu den traurigsten, grübelndsten Sätzen Mozarts zählt. Mit der glanzvollen späten Jagd-Sonate (KV 576) können viele brillieren, aber diese spröde Musik aus einer Zeit, in der Mozart sich gründlich mit Bach beschäftigte, ist sehr schwer darzustellen. Gieseking macht daraus ein fernes, beruhigtes, froststarres Adagio. Die Umdeutung der Tempoangabe ist zwingend. Keine Sprache könnte den Charakter solcher Sätze noch einer menschlichen Emotion zuordnen. Gieseking führt diese Kompositionen aus der Zone der Beschreibbarkeit hin zum Abstrakten.
Dass der berühmte Kritiker Harold C. Schonberg dieses Spiel als süßlich und tief im 19. Jahrhundert wurzelnd beschrieb, gehört zu den absurdesten Fehlurteilen über Gieseking. Scheinbar mühelos und selbstvergessen spielt der jenseits aller interpretatorischen Kontroversen, wie Mozart auf dem Klavier zu klingen habe. Fast könnte man vergessen, wie viel Interpreten-Mühen es ihn gekostet haben muss, zu dieser ernsten Gewissheit zu finden.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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